Exklusivität und Individualität: Bugattis Philosophie

Ein strahlend sonniger Vormittag, der stahlblaue Himmel wölbt sich über dem Bugatti-Anwesen in Molsheim. Hinter schmiedeeisernen Toren öffnet sich der 23-Hektar-Park von Château Saint-Jean, einem Schloss, dessen Park modernste Produktionsstätten beherbergt, die eher an ein 5-Sterne-Hotel erinnern als an eine Automanufaktur. Zwischen uralten Platanen blitzt Chrom, irgendwo röhrt für Sekunden ein Sechzehnzylinder auf, dann herrscht wieder die diskrete Stille, die hier zum guten Ton gehört.
Christophe Piochon erscheint ohne grosse Entourage, im maßgeschneiderten Anzug, Ein sehr angenehmer erster Kontakt, nahbar, ja familiär im besten Sinne. Wir legen den Fragebogen beiseite und es beginnt ein spontanes Gespräch, das sich um Pioniergeist, Familienlegenden, Passion und Geschwindigkeit dreht.

Christophe Piochon

Der Hauptsitz von Bugatti

Christophe Piochon, besten Dank für den tollen Empfang. Warum wählte Ettore Bugatti 1909 ausgerechnet das stille Molsheim als Heimat?
Christophe Piochon: Er kam zunächst ins Elsass, um für Baron De Dietrich (Adrien de Turckheim) zu arbeiten, merkte aber bald, dass dessen Vorstellung von preisgünstigen Alltagsautomobilen seiner Vorstellung von Exklusivität widersprach. Molsheim bot günstige Gebäude, Wasserkraft, Bahnanschluss und vor allem Abgeschiedenheit. Hier konnte er fern vom Lärm der Großindustrie ein Atelier errichten, in dem das Streben nach Perfektion wichtiger war als die Stückzahl.

Heute wirkt das Château fast wie ein Luxushotel. Spielt die Inszenierung eine Rolle?
Absolut. Ettore kaufte das Schloss 1928 nicht zum Wohnen, sondern um Gäste standesgemäß zu empfangen. Wir führen das fort: ledergebundene Bücher neben Carbon-Monocoques – Vergangenheit und Zukunft im selben Raum. Das Ambiente erinnert jeden Besucher daran, dass ein Bugatti mehr ist als ein Fortbewegungsmittel.

1998 übernahm Volkswagen die Marke. Wie kam es zur Entscheidung, den historischen Standort zu reaktivieren?
Ferdinand Piëch war Ingenieur und Romantiker zugleich. Nach dem Motto „Wenn wir Bugatti auferstehen lassen, dann dort, wo die Seele zu Hause ist.“ Andere Optionen wurden diskutiert, doch Molsheim schlug alle in puncto Authentizität. Letztlich eine emotionale Entscheidung, Molsheim trägt das Erbe von Bugatti quasi in seinen Mauern.

Bugatti
Bugatti

Wiederbelebung der Marke Bugatti

Sie selbst kamen im selben Jahr zu VW. Wie wurden Sie zum «Vater» des modernen Bugatti?
Als VW Bugatti erwarb, wusste ich: Dort will ich hin. Drei Jahre später fragte man mich, ob ich in Molsheim ein Konzept entwickeln könne, das Manufaktur-Perfektion und Serien-Methodik vereint. Dass ich später Präsident würde, hätte ich mir damals nie erträumt.

Christophe Piochon war also von Anfang an in die Planung eingebunden?
Ja. Bugatti ist mein drittes Kind. Ich war von der ersten Skizze dabei – damals forderte Ferdinand Piëch: „Baut mir ein Auto, das 400 km/h fährt, in unter drei Sekunden auf 100 sprintet und abends zivilisiert zur Oper gleitet.“
Wie lange dauerte die Umsetzung?
Fünf sehr intensive Jahre. Ende 2005/Anfang 2006 wurden die ersten Veyron ausgeliefert.

Heute steht die Marke, die einst fast in Vergessenheit geraten war, wieder an der Spitze – wie kam es dazu?
Genau das fasziniert mich. 1995 ruhte die Produktion, nur ein paar Clubs hielten die Flamme am Leben. 2001 entstanden die ersten Veyron-Prototypen – der Startschuss, Bugatti als technische Revolution und Inbegriff von Handwerkskunst. Wir wollten Tempo und Präzision neu definieren.

Wie formt man in fünf Jahren ein Team für solch ehrgeizige Ziele?
Piëch gab nur eine Vorgabe: kein Formel-1-Abenteuer, aber volle Ingenieurslust für Bugatti. Also suchten wir konzernweit Spezialisten, die Leistung als Passion sahen. Aus 30 Köpfen wurden rasch 60 Entwickler; 2003 erhielten wir eigene Bugatti-Verträge – das Veyron-Kernteam.
Wir starteten auf einem weißen Blatt Papier: kein Motor, kein Getriebe, kein Chassis. Alles musste neu gedacht werden, oft in Leistungsregionen, in denen noch niemand unterwegs war. Bei Testfahrten über 350 km/h verlor z.B. der Prototyp Luft – die Feder im Reifenventil kapitulierte unter der enormen Zentrifugalkraft. Solche Aha-Momente gehören dazu, wenn man völlig neues Terrain betritt.

Exklusivität

2005 rollte der Veyron tatsächlich aus dem Werk. Was bedeutete er für das Image von Bugatti?
Er war kein Auto, sondern ein Statement: Bugatti ist zurück – schneller, feiner, kompromissloser als je zuvor. Viele fragten sich damals, wer ein Auto für mehr als eine Million Euro kaufen würde – ein Auto, das 400 km/h fährt. Aber der Veyron war keine Frage der Notwendigkeit, sondern der Exklusivität. Er war nicht für den breiten Markt gedacht. Er war ein Symbol für das, was Bugatti immer war – und auch in Zukunft sein sollte.

Wie unterschied sich der Chiron in Sachen Philosophie?
Wir setzten stärker auf das Fahrerlebnis. Der Chiron kann in Monaco flanieren und nachmittags 420 km/h fahren.

Für wen baut Bugatti solche Fahrzeuge?
Den typischen Kunden gibt es nicht mehr. Wir haben Sammler, Tech-Unternehmer aus Kalifornien bis hin zu den Millennials in Asien oder dem Mittleren Osten, die 20‘000 km pro Jahr abspulen. Gemeinsam ist allen der Wunsch nach einer Geschichte, die sie weitererzählen können.

Individualisierung und Luxus

Interessierte Kunden werden hier in der Remise Sud empfangen. Was geschieht hier?
Vor einem wandgroßen Screen konfigurieren wir Lack, Leder, Ziernähte. Reicht der Katalog nicht, öffnet sich das Sur-Mesure-Atelier. Designer mischen dann etwa das Pink einer Hochzeitstorte oder integrieren das Familienwappen ins Carbon.

Ist Individualisierung der wahre Luxus?
Luxus ist Identität. Ein Bugatti soll passen wie ein Maßanzug und Generationen überdauern. Individualität ist letztlich der Kern von Bugatti. Deshalb kämpfen wir um jedes Detail, das Persönlichkeit spiegelt. Jeder Bugatti, der die Produktion verlässt, ist ein Unikat.

Ist Geschwindigkeit noch immer oberstes Prinzip?
Geschwindigkeit bleibt unser Markenzeichen, aber nicht Selbstzweck. Wir streben Unvergleichbarkeit in jedem Aspekt an – Top-Speed, Beschleunigung, Design, Handwerkskunst.

Sie haben 490 km/h erreicht (300mph). Reizt die 500-km/h-Marke?
Natürlich – ein starkes Symbol. Doch wichtiger ist, etwas zu schaffen, das es so noch nie gab. Ganz nach dem berühmten Leitsatz von Ettore Bugatti: „Wenn es vergleichbar ist, ist es kein Bugatti mehr.“

Das nächste Kapitel heißt Tourbillon. Was dürfen wir erwarten?
Einen frei atmenden V16 mit etwa 1000 PS plus drei Elektromotoren – zusammen rund 1800 PS. Die Batterie liefert Kurzzeit-Power, füllt Drehmomentlöcher und hält das Hybridsystem leicht.

Und der Klang?
Unverfälscht Bugatti. Elektro schiebt, der Verbrenner liefert Gänsehaut. Zwei Welten, ein Mytho

Sie sprechen von einem „Screen-Detox“ und entfernen Displays.
Wir reduzieren alles Überflüssige. Wir platzieren dafür einen Tachometer nach Haute-Horlogerie-Manier. Zeitlose Mechanik altert würdevoll. Wir zeigen nur, was der Fahrer wirklich braucht; bei Bedarf fährt ein kleiner Screen aus.

Bugatti – Das Auto als Gesamtkunstwerk

Innovation trifft Kunsthandwerk – gilt das auch für Bauteile?
Ja. Wir nutzen bionisch optimierte 3-D-Druckteile: KI platziert Material nur dort, wo Lasten auftreten. Ergebnis: skulpturale Formen, weniger Gewicht, höhere Steifigkeit. Was bleibt, ist handwerkliche Qualität und das damit verbundene emotionale Versprechen. Eine Naht muss nicht nur gerade sein – sie soll auch in 50 Jahren Sammler begeistern.

Wie viel Auto ist auch Kunstobjekt?
Seit jeher beides. Ettores Vater Carlo war Jugendstil-Möbelkünstler, Bruder Rembrandt Bildhauer. Heute steht ein Atlantic im Guggenheim Museum in Bilbao. Form, Proportion, Oberflächenspannung sind für uns künstlerische Kategorien.

„Form follows Performance“ – wie zeigt sich das?
Hufeisen-Grill, Dachfinne, C-Linie: alles funktional – Kühlluft, Struktur, Stabilität. Zeitlosigkeit entsteht durch Funktion, nicht durch Ornament.

Ein Bugatti verbindet

In zwei Jahrzehnten haben Sie die Messlatte immer höher gelegt. Nun erwarten Ihre Kunden nicht nur Rekorde, sondern Erlebnisse?
Wir steigern nicht nur die Performance, sondern auch das Erlebnis rund ums Auto. Von der Konfiguration bis zu exklusiven Events wie Pebble Beach begleiten wir unsere Kunden persönlich – jede Begegnung soll einzigartig sein.

400 km/h auf öffentlichen Straßen sind tabu, also schaffen wir sichere Bühnen. So mieteten wir die Space-Shuttle-Landebahn in Cape Canaveral, wo Besitzer selbst die 400-km/h-Marke testen konnten.
Doch Technik ist nur die halbe Geschichte. Wer einen Bugatti erwirbt, tritt in eine Familie ein.
Zweimal pro Jahr veranstalten wir Grand Tours: 20 Wagen – Veyron bis Mistral – bis zu 400 Kilometer am Tag, kuratierte Routen, ausgesuchte Hotels. Unsere Größe hält das Verhältnis intim. Ich habe die Hälfte der Kunden in meinem Handy. Wenn sie Fragen haben, rufen sie direkt an. Diese Nähe schafft eine Community, die Leidenschaft teilt. Ein Bugatti verbindet – auf der Straße und darüber hinaus.

Wächst der Anteil weiblicher Kunden?
In der Vergangenheit war die Automobilwelt oft von einer männlichen Klientel dominiert. Doch immer mehr Frauen entdecken die Marke Bugatti für sich. Und ihr Einfluss auf Kauf- und Ausstattungsentscheide wächst. Und dies nimmt Einfluss auf das Design. Frauen achten stärker auf Texturen und Ergonomie.

Abschließend, was bedeutet Luxus für Sie persönlich?
Luxus ist für mich nicht nur das Besitzen von Dingen, sondern das Erleben von etwas, das einzigartig ist und das einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Luxus ist, in einem Auto zu sitzen, das nicht nur leistungsstark ist, sondern auch eine Geschichte erzählt und Emotionen weckt. Es geht um das Erlebnis, das man mit diesem Objekt verbindet.

Monsieur Piochon, vielen Dank für dieses Gespräch und die tollen Einblicke in die Welt von Bugatti.
Es war mir eine Freude, meine Gedanken mit Ihnen zu teilen. Ich bedanke mich meinerseits.

Christophe Piochon und Daniel Chardon am Bugatti Hauptsitz in Molsheim

Schnell zum Luxus: www.bugatti.com

Bilder und Video: Foursum

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