Nach Wochen des Hin und Hers um einen Termin fügt sich plötzlich alles. Sonntagmorgen, ihr letzter Tag vor dem Abflug in die USA: Auf dem Bildschirm sitzt mir Ester Ledecká gegenüber, dreifache Olympiasiegerin, auf dem Boden ihres Prager Dachgeschosses, den Laptop vor sich. Sie wirkt vollkommen gelöst – langes blondes Haar, lässige Haltung, ein Gesicht, das immer wieder in spontanes Lachen ausbricht. Keine Spur von Anspannung, keine mediale Rüstung, sondern trockener Witz und eine Wärme, bei der man schnell vergisst, wie viele Medaillen sie gewonnen hat.
Aus den geplanten zehn Minuten werden fast vierzig. Ihre Energie pendelt zwischen konzentrierter Kraft und überraschender Weichheit, als könnte sie im nächsten Moment aufstehen und ein Rennen fahren – oder einfach sitzen bleiben wie eine Athletin am Pistenrand, die sich in der Sonne zurücklehnt. Wir lassen das Gespräch treiben, Gedanken kreisen, und in diesem mühelosen Flow entsteht das Bild einer Frau, die zwischen Welten lebt: introvertiert und Superstar, Skirennläuferin und Snowboarderin, Freigeist und zugleich unerbittlich diszipliniert.
Inhalt
- „Ich habe immer gesagt, ich gewinne Olympia in beiden Sportarten“
- Ester Ledecká – z wischen Freigeist und Perfektionistin
- Selektive Öffentlichkeit und Introversion
- Ester Ledecká; e ine disziplinierte Nomadin
- Ein eigenes Team aufbauen
- Sponsoren und Trainer
- Ester Ledecká: Zwei Sportarten, zwei Körper, zwei Gehirne
- Mentales Training, Visualisierung und die Bedeutung des Physios
- Verletzung, Reha – und Skifahren als Meditation
- Motivation, Zeit und die tickende Uhr
- Mutter als Coach, Vater als Popstar – eine „lustige Familie“
- Luna Lovegood, Disziplin und Humor
- Die Zeit nach dem Sport – irgendwann

„Ich habe immer gesagt, ich gewinne Olympia in beiden Sportarten“
Als du aufgewachsen bist, sagten alle, du müsstest dich irgendwann zwischen Ski und Snowboard entscheiden. Hast du je daran gezweifelt, dass du in beiden Disziplinen die Weltspitze erreichen kannst?
Eigentlich nicht. Seit ich ungefähr fünf war und mit dem Snowboarden angefangen habe, habe ich immer gesagt: „Ich werde olympisches Gold in beiden Sportarten gewinnen.“ Sehr lange – im Grunde bis ich sechzehn war – habe ich das Gegenteil zu hören bekommen. Trainer, Experten, alle sagten: „Du schaffst das nicht, du kannst nicht in beiden, Ski und Snowboard, an der Weltspitze sein, du musst dich entscheiden.“
Am Anfang haben sie es abgetan mit: „Okay, sie ist ein Kind, sie weiß es noch nicht besser.“ Aber als ich dann im Juniorenalter war, fünfzehn, sechzehn, wurde der Druck stark. Sie drängten mich wirklich zu einer Entscheidung. Ich nehme es ihnen nicht übel – vor mir hatte das niemand ernsthaft versucht, zumindest nicht erfolgreich, deshalb dachten sie, es sei schlicht unmöglich. Sie wollten das Beste für mich, und in ihren Augen hieß das: sich auf eine Disziplin zu konzentrieren.
Aber ich habe einfach daran geglaubt, dass ich es in beiden Sportarten schaffen kann. An diesem Glauben habe ich festgehalten. Am Ende habe ich es bewiesen – und ich beweise es jedes Jahr wieder. Darauf bin ich sehr stolz. Meine Motivation ist heute ganz einfach: es immer wieder aufs Neue zu zeigen.
Ester Ledecká – zwischen Freigeist und Perfektionistin
Snowboarder gelten oft als Freigeister, alpinen Skirennfahrerinnen sagt man Perfektionismus nach. Du bewegst dich in beiden Welten. Wie navigierst du zwischen diesen Kulturen?
Ich fahre alpines Snowboard, und das ist schon eine Art Fusion aus der Denkweise eines Skifahrers und der eines Snowboarders. Es ist auf jeden Fall freier als Ski – aber es gibt auch dort viel Struktur und Disziplin.
Im Parallel-Riesenslalom starten wir gemeinsam mit den Männern, Frauen und Männer bei denselben Rennen. Die Atmosphäre ist entspannter, wenn der Circuit gemischt ist. Im Ski-Weltcup hingegen reist und fährt man oft nur mit der „Girls Gang“ – nur Frauen, die ganze Saison über – und du weißt, wie Mädels sein können. Die Stimmung ist eine andere.
Also würde ich sagen, in mancher Hinsicht bin ich eher Snowboarderin. Ich mag diese etwas freiere Energie, auch wenn mein Training sehr diszipliniert ist.
Selektive Öffentlichkeit und Introversion
Du sprichst selten mit den Medien. Dieses Interview ist fast eine Ausnahme. Bist du von Natur aus introvertiert – oder ist es eine bewusste Entscheidung, stiller zu bleiben?
Beides. Ich wähle sehr genau aus, mit wem ich Interviews mache. Über die Jahre hatten wir viele … nennen wir es „schlechte Erfahrungen“. Deshalb sind Medien nicht meine oberste Priorität. Meine oberste Priorität ist, so schnell wie möglich von Punkt A nach Punkt B zu kommen. So versuche ich, die Dinge zu sehen.
Vielleicht würden mehr Interviews und mehr PR meinem öffentlichen Bild helfen, aber ich glaube immer noch, es ist besser, wenn ich einfach viele Rennen gewinne. Dann haben die Leute etwas, worüber sie schreiben können, ohne dass ich viel sagen muss. Das ist eher mein Stil.
Und ja, ich bin introvertiert. Mein Team würde dir sagen, dass ich nicht das geselligste Mädchen bin. An einem freien Tag bin ich am glücklichsten, wenn ich in meinem Zimmer bleiben, die Tür schließen und mit niemandem sprechen kann. Allein zu sein macht mich sehr glücklich.
Das ganze Jahr mit derselben kleinen Gruppe zu reisen, prägt einen auch. Man gewöhnt sich an diese kleine Blase. Wenn ich dann auf eine große Veranstaltung gehe, ist das für mich wirklich anstrengend. Wenn ich in einem Raum mit vielen Menschen bin und reden soll, komme ich müder zurück als nach zwei Stunden hartem Training im Kraftraum.
Ester Ledecká; eine disziplinierte Nomadin
Du bist den größten Teil des Jahres unterwegs, trainierst auf verschiedenen Kontinenten. Wie viel Zeit verbringst du tatsächlich zuhause?
Insgesamt vielleicht einen Monat im Jahr. Das war’s.
Wir waren in Chile, Italien, jetzt fahren wir für zehn Tage in die USA, dann zurück in die Schweiz. Es ist ein permanenter Kreislauf aus Flughäfen, Hotels und Trainingshängen. Ich habe sogar eine neue Wohnung gekauft, aber ich verbringe im ganzen Jahr nur ein paar Wochen dort.
Ich lebe jetzt seit etwa fünfzehn bis achtzehn Jahren so. Ich wurde 1995 geboren, also habe ich vom Teenageralter bis fast dreißig den Großteil meines Lebens unterwegs verbracht – für meinen Sport und meine Ambitionen. Ich bin wirklich eine Nomadin – nur eine sehr disziplinierte.

Ein eigenes Team aufbauen
Von außen wirkt dein Setup wie ein sehr kleines, sehr persönliches Team. Wie funktioniert es in Wirklichkeit?
Für eine einzelne Athletin habe ich eigentlich ein ziemlich großes Team. Der Unterschied ist, dass ich nicht mit dem tschechischen Verband und den anderen Nationalteam-Athleten reise. Weil ich Ski und Snowboard kombiniere, passt mein Kalender überhaupt nicht in die übliche Struktur.
Außerdem fahren nicht viele Frauen Speed-Disziplinen im Weltcup, daher musste ich schon früh ein eigenes Team um mich herum aufbauen. Vom tschechischen Verband bekomme ich nicht besonders viel Unterstützung. Wir hatten in der Vergangenheit einige Auseinandersetzungen, aber ich bin froh, dass wir das Verhältnis beruhigen konnten. Zumindest schaden sie meiner Ski- oder Snowboardkarriere nicht mehr aktiv – und das betrachte ich schon als Erfolg.

Sponsoren und Trainer
Der Großteil des Budgets für das Team kommt von Sponsoren. Red Bull hilft sehr: Im Moment bezahlen sie zwei Skitrainer und übernehmen die Kosten für einen Snowboardtrainer. Der Armeesportklub unterstützt meinen Physio und ein paar andere Dinge. Aber Profisport in Ski und Snowboard ist sehr teuer – Reisen, Übergepäck, Serviceteam, endlos viel Material. Das summiert sich.
Mit der Zeit haben wir ein System entwickelt, das jedes Jahr besser funktioniert. Auf der Ski-Seite habe ich zwei italienische Trainer – einer aus Südtirol – plus einen Technikcoach. Sie sind sehr ehrgeizig und drängen darauf, mehr Skitage zu bekommen. Sie wissen, dass ich snowboarde, aber natürlich sagen sie immer: „Wir wollen Tage. Wir wollen Skitage.“
Mein Snowboardcoach ist Amerikaner, offener und entspannter. Er sagt oft: „Nein, gib ihnen einfach die Tage auf Ski“, und ich bin diejenige, die sagt: „Nein, wir müssen darum kämpfen – sonst habe ich keine Tage auf dem Snowboard!“ Es gibt also ständig Verhandlungen darüber, wie viele Tage welche Disziplin bekommt.
Die drei Trainer arbeiten meist getrennt, aber mein Snowboardcoach kommt auch zu vielen Skirennen. Es ist gut, noch ein weiteres Paar Augen und Hände auf der Strecke zu haben. Wenn ich mein Team mit Österreich oder Italien vergleiche, sind wir immer noch klein – diese Mannschaften können die ganze Strecke mit ihrem Personal und ihren Funkgeräten abdecken.
Für mich ist es wichtig, so viele meiner Leute wie möglich am Hang zu haben, die Videos machen und Feedback geben. Für unseren Organisationscoach ist es auch einfacher, das Bildmaterial aus einer Gruppe zu sammeln, statt den Kameras kleinerer Teams wie Slowenien oder Ungarn hinterherzulaufen. Und wenn ich schnell zwischen Skiweltcup und Snowboard wechsle – vor allem in einer Saison mit Weltmeisterschaften – hilft es, wenn mein Snowboardcoach bei Skirennen dabei ist, damit wir für ein paar Tage die Disziplin wechseln und dann wieder zurückgehen können.

Ester Ledecká: Zwei Sportarten, zwei Körper, zwei Gehirne
Was sind für dich die größten Unterschiede zwischen den beiden Sportarten – für deinen Körper und für deinen Kopf?
Körperlich nutze ich unterschiedliche Muskelgruppen. Das merke ich besonders in der Vorbereitung. Wenn ich einen Monat auf Ski war und dann plötzlich acht Tage auf dem Snowboard habe, braucht mein Körper Zeit, sich anzupassen. Die Muskeln arbeiten auf völlig andere Weise.
Technisch und visuell ist es ebenfalls sehr verschieden. Auf dem Snowboard fährst du seitlich und kannst nicht dieselbe Art von Schwung fahren wie auf Ski. Es gibt keine Stöcke, die Stabilität ist anders, du hast nur eine Kante. Meine natürliche Tendenz als Skifahrerin ist, den Oberkörper talwärts zu öffnen. Auf dem Snowboard ist das ein großer Fehler, weil du den Druck auf der Kante verlierst.
Wenn ich also nach einem langen Ski-Block wieder aufs Snowboard wechsle, sind die ersten Fahrten immer langsame Übungen: mich daran erinnern, nur den Kopf zu drehen, nicht den ganzen Oberkörper, und das Board auf der Kante zu halten. Snowboarden im steilen Gelände ist technisch schwieriger; es erfordert viel Können, um es richtig zu machen.
Skifahren ist in gewissem Sinn einfacher – zwei Ski, zwei Kanten, eine natürlichere Balance. Aber das bedeutet auch mehr Konkurrenz, weil mehr Menschen es gut können. Mental ist das Setup ebenfalls anders. Im Skifahren entscheidet meist ein Lauf über alles. Im Snowboarden musst du, wenn du gewinnen willst, über sechs Läufe hinweg konzentriert bleiben: Qualifikation am Morgen, dann alle Heats bis zum Finale, oft bis zwei oder drei Uhr nachmittags. Es ist ein langer Tag voller Fokus, Neu-Fokussieren, Runterkommen und wieder Aufbauen. Nach einem Snowboard-Renntag, vor allem wenn ich vorher viel Ski gefahren bin, merke ich, wie erschöpft ich mental bin.
Mentales Training, Visualisierung und die Bedeutung des Physios
Arbeitest du mit einem Mentalcoach, oder steuerst du das meiste mentale Training selbst?
Das meiste mache ich selbst. Über Red Bull habe ich einen Mentalcoach, mit dem ich sprechen kann, aber das läuft alles online, es ist niemand, der mit mir reist. Wenn die Person nicht physisch vor Ort ist, ist es schwieriger, wirklich präzise Tipps für eine Rennsituation zu geben.
Also versuche ich, in unseren Gesprächen sehr offen und konkret zu sein – so wie man es beim Physiotherapeuten wäre: „Es tut hier weh, es ist passiert, als ich diese Bewegung gemacht habe, ich glaube, es könnte von hier oder dort kommen“, damit wir gemeinsam eine Lösung finden können.
Aber im Alltag ist mein Physiotherapeut der wichtigste Mensch im Team. Profisport auf diesem Niveau schädigt den Körper jeden Tag. Ich erinnere mich an einen tschechischen Arzt, der meine Knie untersuchte, als ich fünfzehn war, und sagte: „Warum hast du Profisport gewählt? Das ist das Schlimmste, was du deinem Körper antun kannst.“ Und er hatte teilweise recht – Sport ist gesund, aber nicht unbedingt in dieser Intensität.
Deshalb habe ich meinen Physio ständig bei mir. Wir arbeiten an Ausgleichsübungen, und er ist auch mein Fitnesstrainer, also hängt alles zusammen. Er hält meinen Körper – und ehrlich gesagt auch meinen Kopf – zusammen.
Mentaltraining
Ich mache auch einiges an grundlegender mentaler Arbeit: Meditation, Atmung, viel Visualisierung. Bei jedem Rennen kannst du das in der Besichtigung sehen: Skifahrer, die neben der Strecke stehen, die Arme bewegen, mit geschlossenen Augen den Lauf im Kopf fahren. Wenn man uns alle gleichzeitig sieht, wirkt es ein bisschen wie eine Nervenheilanstalt.
Im Snowboarden ist der Kurs einfacher – oft einfach rechts-links-rechts-links mit vielleicht ein paar Wellen – aber ich besichtige trotzdem länger als alle anderen. Snowboarder machen normalerweise ein- oder zweimal Kursbesichtigung pro Strecke. Ich bin die ganze Zeit am Hang, besichtige Rot und Blau zusammen und versuche, jedes Detail zu memorieren. Es sieht wahrscheinlich lustig aus, wie eine Skifahrerin, die in einem Snowboardrennen gefangen ist. Ich weiß nicht einmal, ob das im Snowboarden der „richtige“ Weg ist – aber es ist meiner.
Verletzung, Reha – und Skifahren als Meditation
Du hattest eine schwere Verletzung und ein kompliziertes Comeback. Was war der entscheidende Moment auf dem Weg zurück?
Die Verletzung war am Schlüsselbein, und ich brauchte tatsächlich eine zweite Operation, weil die erste nicht gut gemacht war. Die Reha war lang und voller kleiner Probleme. Jeden Tag gab es etwas zu bedenken – Übungen, Schmerzen, Einschränkungen.
Als ich endlich wieder auf Schnee durfte, konnte ich noch nicht in Stangen fahren. Also haben wir mit einem Freestyle-Board auf dem leichtesten Hang angefangen, wie auf einer Kinderpiste. Nur einfache Schwünge: links, rechts, links, rechts.
Und da wurde mir klar, dass ich im Grunde meditiere, wenn ich Ski fahre oder snowboarde.
Ich war plötzlich so glücklich, dass ich an nichts anderes denken musste – nur daran, links und rechts zu fahren und es so gut und so schnell wie möglich zu machen.
Im normalen Leben hast du ständig tausend Dinge im Kopf – Entscheidungen, Sorgen, Termine. Auf diesem Hang gab es nur eine Sache: den Schwung direkt vor dir. Sich gezwungen zu sehen, sich auf eine einzige Bewegung zu konzentrieren, fühlte sich wunderschön an.
Vorher war mir das nie wirklich aufgefallen, weil man es für selbstverständlich hält, wenn man jeden Tag mittendrin steckt. Nach der Pause habe ich verstanden, was für eine Befreiung das ist. Du musst dich nicht um E-Mails, Telefonate, Probleme kümmern – du kümmerst dich nur darum, links und rechts zu fahren. Dieser reine Fokus ist eine Form von Freiheit.

Motivation, Zeit und die tickende Uhr
Du hast mit olympischen Medaillen und Weltmeistertiteln bereits Geschichte geschrieben. Nach fünfzehn Jahren auf diesem Niveau – was treibt dich weiter an?
Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit, ja. Aber im Vergleich zu dem, was noch vor mir liegt, fühlt es sich kurz an.
Im Sport gibt es eine grausame Wahrheit: Man kann ihn nur bis zu einem bestimmten Punkt betreiben. Irgendwann sagt der Körper einfach Nein.
Für Frauen kommt noch die Frage nach der Familie dazu. Viele Athletinnen können Spitzensport und Kinder nicht kombinieren. Ich weiß nicht einmal, ob ich das überhaupt kombinieren möchte – zwei Sportarten und Kinder scheinen … ein bisschen zu viel. Wenn ich eines Tages Kinder habe, will ich wahrscheinlich voll bei ihnen sein, so wie ich jetzt voll bei Ski und Snowboard bin.
Im Moment spüre ich noch keinen starken Wunsch nach einer Familie, aber ich kann mir vorstellen, dass dieses Gefühl bald kommen könnte. Dann wird eine Entscheidung fällig. Und selbst wenn es nicht kommt, wird irgendwann mein Körper für mich entscheiden und die Belastung nicht mehr tragen können.
Meine Motivation ist also, dass ich noch viele Ziele vor mir habe – aber die Zeit, sie zu erreichen, wird kürzer. Die Uhr tickt. Das erzeugt Druck, aber auch Klarheit.
Mutter als Coach, Vater als Popstar – eine „lustige Familie“
Wer gibt dir in diesem körperlich und mental so fordernden Leben den stärksten Rückhalt?
Auf jeden Fall meine Mutter. Sie ist die Cheftrainerin des gesamten Projekts – Ski und Snowboard. Sie koordiniert alles und reist viel mit mir.
Meine Mutter hasst allerdings das Fliegen. Wenn ich nach Chile oder in die USA fliege, bleibt sie meistens zuhause und sagt nur: „Schon gut, du fliegst.“ Für Pyeongchang hat sie eine Ausnahme gemacht und ist mitgekommen. Sie mussten ihr Tabletten für den Flug geben, deshalb bin ich mir nicht sicher, wie viel sie von Olympia wirklich erinnert. Auf Hin- und Rückflug war sie ziemlich „high“. Aber es war großartig, sie dabeizuhaben.
Mein Vater ist ebenfalls ein großartiger Mensch. Er ist ein großer Popstar in Tschechien, Musiker und Komponist von Musicals. Eines seiner Stücke, Hamlet, wurde auf der ganzen Welt aufgeführt – auch in Korea.
Es gibt eine Geschichte, die ich liebe: Nachdem ich in Pyeongchang den Super-G gewonnen hatte, saß ich im Auto zur Medaillenzeremonie. Der Fahrer hatte vorne einen kleinen Bildschirm und schaute ein Musical. Ich sah hin und merkte, dass es das Musical meines Vaters war. Ich fragte: „Hast du das eingeschaltet, weil du weißt, wer mein Vater ist?“ Und er sagte: „Nein, das ist mein Lieblingsmusical in Seoul.“ Die Koreaner sind verrückt nach Musicals. Es war eine perfekte Koinzidenz: Ich war auf dem Weg zur Olympia-Siegerehrung, während jemand gerade die Show meines Vaters ansah.
Mein Großvater ist die Quelle der Sportgene – er war Eishockey-Weltmeister. Und mein Bruder ist Comiczeichner, der die Designs für meine erste Bogner-Kollektion gemacht hat. Ja, wir sind eine ziemlich lustige Familie; jeder macht etwas anderes, aber irgendwie passt es zusammen.
Luna Lovegood, Disziplin und Humor
Mit diesem Hintergrund – wie würdest du dich selbst als Person beschreiben?
Das ist schwierig – wahrscheinlich könnten das andere besser beantworten. Aber wenn ich muss, würde ich sagen, ich bin ein bisschen wie Luna Lovegood aus Harry Potter. Im fünften Film taucht sie als diese etwas schräge Hexe auf, mit dem Kopf in den Wolken, ein bisschen verrückt und nirgends so richtig passend. Alle mögen sie, aber keiner weiß so genau, wohin mit ihr.
Manchmal sehe ich mich selbst so. Ich passe nicht vollständig zu den Skifahrern, aber auch nicht ganz zu den Snowboardern. Ich bin irgendwo dazwischen. Ich bin gern allein oder nur mit meinem Team; ich bin nicht glücklich, wenn zu viele Menschen um mich herum sind.
Gleichzeitig gebe ich mein Bestes, sehr schnell zu sein. Ich hoffe, ich bin engagiert, habe etwas Willenskraft von meinem Großvater geerbt und kann mich durch schwierige Situationen kämpfen.
Die Leute sagen, ich wirke ausgeglichen, und ich bemühe mich darum. Vielleicht liegt es daran, dass du mich morgens erwischt hast – es ist der Beginn des Tages, da kann sich noch vieles ändern.
Und ich scherze gern. Humor ist mir wichtig. Ich möchte die ganze Zeit mit meinem Physio und mit dem Team lachen. Das heißt nicht, dass wir nicht hart arbeiten – wir arbeiten so hart, wie wir können, und ich kann sehr stur und intensiv sein.
Aber ohne Humor und Lachen weiß ich nicht, worum es im Leben gehen soll. Humor ist das Gegengewicht zu all dem Ernst.
Die Zeit nach dem Sport – irgendwann
Es wird eine Zeit nach dem Sport geben. Denkst du an diese Zukunft – oder bist du ganz im Jetzt?
Im Moment versuche ich, mich auf das zu konzentrieren, was direkt vor mir liegt, und Schritt für Schritt zu gehen. Ich glaube nicht, dass ich jemals ganz bereit sein werde aufzuhören. Jetzt bin ich es auf jeden Fall nicht.
Vielleicht werde ich wie Marcel Hirscher sein und ein paar Mal zurückkommen. Wer weiß? Skifahren verlangt so viel Disziplin und Zeit, dass Aufhören und Wiederanfangen überhaupt nicht einfach ist. Aber ja, eines Tages wird es enden – auf die eine oder andere Weise.
Bis dahin ist das Ziel einfach: so viele Rennen wie möglich, in so vielen Sportarten wie möglich, so gut wie möglich zu fahren – und vielleicht ein kleines bisschen Hoffnung zu behalten, dass sich das olympische Programm im letzten Moment noch ändert, damit ich noch mehr Rennen fahren kann.
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Titelbild: © Red Bull / Jan Kasl
