MARCUS SCHAEFER

Der «Hybrid-Künstler»
ich denke in Licht und Schatten,
träume hell und dunkel
und agiere in organischen Formen …

Auf der Suche nach dem Besonderen in der Schwarz-Weiss-Fotografie bin ich zuerst an der Zartheit von Neeltje de Vries hängengeblieben. Dann fiel mein Blick auf Marcus Schaefer und spontan empfand ich eine Faszination für seine poetisch-surreale Fotografie und seine Mischung der Kunstformen Malen, Bildhauern, Fotografie. Mir war sofort klar, dass es hier nicht um die Darstellung von Schönheit ging, sondern, dass er mit seiner Verzerrung der Realität eine eigene Schönheit erschafft.
Wir verabredeten uns zu einem Video-Call und seine Antworten übertrafen nicht nur meine Erwartungen, sondern stellen die Fotografie in unserer bildüberladenen Social Media-Welt in ein neues Licht.

Marcus Schaefer
Marcus Schaefer Studio Selbstportrait Oktober 2023

Gedanken und Bilderwelten

„Errors & mistakes are essential in Marcus Schaefer creative endeavours…” steht da auf Deiner Webseite. Die Imperfektion als perfektes Ziel?
Fehler zulassen bedeutet Kontrolle zu reduzieren und Kontrolle zu reduzieren hilft meinem kreativen Prozess. Welche Prozesse ich bei der Entstehung meiner Werke mehr und welche ich weniger kontrolliere hängt von verschiedenen Faktoren ab und der jeweiligen Disziplin. In der Fotografie arbeite ich mit bestimmten Techniken, um die “Fehler” in meinen Aufnahmen zu ermutigen, und somit ungeplante und unbeabsichtigte Ergebnisse zu erzielen, ohne dabei die Kontrolle über das Bild zu verlieren. Ich akzeptiere den Fehler, denn er ist ein Garant für einzigartige Bilder. Ich neige dazu, nicht das exakte Abbild einer Sache zu fotografieren, sondern meine ganz persönliche Interpretation dessen einzufangen, was sich vor der Kamera befindet. Es geht eher darum, eine bestimmte Atmosphäre oder Gefühl zu erzeugen, als um die statische Reproduktion der Realität.

Ich sehne mich danach, alles Schöne und das Nicht-Offensichtliche visuell zu verhaften oder zumindest das Offensichtliche nicht offensichtlich erscheinen zu lassen. Somit nehme ich den/die Betrachter/in auf eine Reise durch meine Gedanken- und Bildwelt und integriere eine Variable, die zum fehlenden Element eines nicht reproduzierbaren Werkes wird.

Der Weltenmensch

In welchen Sprachen denkt, agiert und träumt Marcus Schaefer? Du lebst in Paris, aber nicht nur?
Rein visuell gesehen denke ich in Licht & Schatten, träume in hell & dunkel und agiere in organischen Formen, das ist die Sprache meiner Fotografien, Gemälde & Skulpturen. Paris ja, aber ich verbringe auch sehr viel Zeit in meinem Atelier auf dem Land. Die Balance zwischen Stadt und Land ist mir sehr wichtig, ebenso wie das regelmäßige Reisen in andere Metropolen.

Musste Marcus Schaefer aus Deutschland raus, um sich dem freien Fehlertum hinzugeben?
Ich bin in einer “Seifenblase” auf dem Land im Allgäu aufgewachsen und wollte schon als Jugendlicher unbedingt ausbrechen und die Welt entdecken. Deutschland allein kam somit langfristig nicht für mich in Frage, sondern ich wollte etwas komplett Neues: Ein neuer Kulturkreis, eine andere Sprache und anders denkende Menschen – einfach frischen, internationalen Input. Kommerzieller Erfolg kam in der Tat erst im Ausland und ist immer noch ein wichtiger Katalysator auf dem Weg zu zwei meiner größten Ziele – zum einen meine künstlerische Identität zu finden und zu verfeinern und zum anderen meiner materialistischen Karriere einen poetischen Mehrwert zu verleihen. Das eine ergibt sich aus dem anderen: Ich definiere den Wert meiner Karriere als Vehikel auf meinem Weg zur Suche nach meiner künstlerischen Identität und als Übertragungskanal in den verschiedenen Kunstformen.

Kunstformen

Deine Werke faszinieren spontan!
Du hast Deine eigene Choreographie entwickelt.. das sieht man auch in den Filmen.
Beautiful Individuals, waren dies reine Experimente, Kurz-Film-Ausflüge…da wäre doch noch viel mehr Film-Potential vorhanden?

Absolut – Film ist und bleibt spannend für mich. Das Bewegtbild ist eine wahnsinnig spannende Welt mit einer ganz anderen Dynamik und noch vielseitigeren Möglichkeiten. Ich denke vorerst wird es allerdings bei abstrakten Kurzfilmen im Mode & Beauty Bereich bleiben, da mir für alles weitere aktuell die Zeit fehlt.

Welche Kunstform liegt Marcus Schaefer am nächsten? Zeichnungen, Fotografie, Skulpturen? Ergibt sich deine Kreativität aus der Kombination der Kunstformen?
Jedes Medium hat seinen eigenen Charme und sein eigenes Potenzial. Fotografie ist wie eine Zeitkapsel – sie stellt einem das magische Werkzeug zur Verfügung, in der Zeit hin und her zu reisen und die Realität wie einen zeitlosen Ort im Nichts erscheinen zu lassen. Der Film und seine zusätzliche Komponenten wie z.B. Filmmusik bietet das Gleiche und eben noch viel mehr. Das Zeichnen und die Malerei helfen mir, meinen fotografischen Weg zu verstehen und auf die nächste Ebene zu heben – ich betrachte sie als eine Art Nabelschnur, die diese beiden Welten verbindet.

Ich möchte fotografieren, was ich nicht malen kann, und ich möchte malen, was ich nicht fotografieren kann – daher werden meine Fotografien immer mehr zu einer Hybridform einer Malerei. Skulpturen wiederum ermöglichen mir den Transfer in die drei-dimensionale Welt und das Entwerfen von Figuren meiner eigenen Fantasie (in der Regel Charaktere aus meinen Zeichnungen), in der nur meine Regeln gelten – es ist, als wäre man wieder Kind und könne die Energien seiner Träume in den Werken kanalisieren, was ihnen eine surreale Magie und Oase der Ruhe verleiht. Ich liebe die Abwechslung und genieße es zwischen Disziplinen hin und her zu springen. Eine Disziplin befruchtet die Andere.

Mittlerweile bin ich an einem Punkt angelangt an dem ich alle Kunstformen praktizieren muss um meinen kreativen Flow auf einem hohen Niveau halten zu können. Der Wechsel beugt Betriebsblindheit und kreativen Blockaden vor. Meine Werke unterschiedlicher Kunstformen leben in Symbiose miteinander und können auch nicht ohne einander. Sie verfolgen schlussendlich das selbe Ziel – meine künstlerische Identität mehr und mehr zu verfeinern.

Der "Maler" Marcus Schaefer.
Der „Maler“ Marcus Schaefer im Studio, Selbstportrait September 2023

Der Hybrid Künstler MARCUS SCHAEFER

Wie ist das nun mit dem -Kommerz? Bist Du kommerziell erfolgreich gewesen, bevor Du zum «Hybrid-Künstler» mutiert bist oder hat Dich deine hybride Art der Fotografie erst zum gefragten Fotografen gemacht, der für Giorgio Armani, Chanel oder Hermes arbeitet?
“Hybrid-Künstler” trifft es ganz gut – die kommerzielle Fotografie war schon immer mein Brot und Butter Geschäft und auch das musste & muss ich mir nach wie vor hart erarbeiten, da ich mit meiner Bildsprache ein klares Nischenprodukt bin. Ich bewege mich zwischen Kunst & Kommerz – daher der Status eines “Hybrids”. Meist sind meine kommerziellen Aufträge auf meine Bildsprache maßgeschneiderte und spannende, ästhetisch befriedigende Projekte – so wie bei einem erst kürzlich abgeschlossenen Werbeauftrag für Hermès Paris, welcher im November 2023 in Print & Film erscheinen ist. Die Projekte suchen sich oft mich aus und nicht umgekehrt. Komplette Narrenfreiheit hat man nie, am Ende des Tages bewerben wir ein Produkt und es sind diverse Parameter von Seiten des Kunden klar einzuhalten, aber dieser Kompromiss tut nicht weh und ich bleibe dennoch in meiner Bildwelt.

Was fasziniert Dich am Zeichenmedium Kohle? Sie hat Dich im Lockdown 2020 zu der hybriden Form der Fotografie geführt, welche dich heute auszeichnet?
An Kohle fasziniert mich die Einfachheit und Natürlichkeit des Produkts. Zudem der tiefe Schwarzton den man mit Kohle erzielen kann und die ehrliche, grobe Haptik. Kohle ist ideal zum zeichnen von Schattierungen und auch harter Licht-Schatten-Kanten. Mittlerweile kombiniere ich Kohle mit Öl-Pastellen auf Leinwand. Und ja, das Zeichnen mit Kohle war mitunter ein wichtiger Wegbereiter für meine fotografische & künstlerische Entwicklung der letzten Jahre.

Die Technik in der Fotografie

Welche Techniken wendest Du in der Fotografie an, um deine surrealen malerischen Effekte zu erzielen?
Es gibt bestimmte Techniken, die ich im Laufe der Jahre bei all meinen kreativen Unternehmungen entwickelt habe, dazu gehört in der Fotografie das Verwischen von Umrissen und das Modulieren von Tönen, sodass eine Form in eine andere weich übergehen kann und eine gewisse mystische Stimmung erzeugt. Das Kreieren von organischen Formen mit Licht & Schatten unterstreicht diesen Prozess. Ich setze schwer kontrollierbare Techniken wie Langzeitbelichtung, Mehrfachbelichtung und unkonventionelle Beleuchtung ein und spiele mit Proportionen, Dimensionen und Perspektiven, um eine Aufnahme mit zeitloser Dynamik einzufangen, die gleichsam einen malerischen Effekt hat.

Über die Nichtfarbe SCHWARZ

Wohin man blickt, erschaut der Betrachter schwarz-weiße Bilder, Fotos, Skulpturen. Hast du Dich von Beginn an zu dieser schwarz-weissen Welt hingezogen gefühlt?
Ich habe mich schon immer zur Nicht-Farbe Schwarz hingezogen gefühlt und stelle Schwarz in den Mittelpunkt meiner Arbeit und nutze sie als zentrale Komponente meiner visuellen Botschaft. Für mich ist es so als würde ich eine “auf dem Kopf stehende Welt” betreten, die viel sensibler, abstrakter und intimer ist als die Welt der Farben. Sie bietet völlig neue Wege der Flucht und des Ausdrucks. Schwarz hilft beim Komponieren und Lenken jenseitiger Schwingungen in einem Nicht-Farbraum. In meinen Augen ist Schwarz die Verkörperung der Dichotomie, einerseits ist es sehr dominant, stark und einschüchternd, andererseits ist es irgendwie verletzlich, melancholisch und sensibel.

Schwarz ist multidimensional, scheint endlos und lässt mich an das dunkle, unendliche Universum, schwarze Löcher, die Schwerkraft und den Beginn des Lebens denken. Es ist faszinierend und lässt mich über mich selbst reflektieren, als würde ich in einen Spiegel blicken. Schwarz ist fesselnd und wirkt (für viele) sehr deprimierend, frustrierend und tot, ist aber in Wirklichkeit äußerst sexy, lebendig und beflügelnd. Die polarisierende Vielseitigkeit ist was ich daran wirklich liebe, und deshalb ist das Element Schwarz und Weiß von grundlegender Bedeutung in all meinen kreativen Unternehmungen.
Wie sehr ist Dein Bewusstsein oder Unterbewusstsein Spiegel deiner Werke? Gewisse Werke erscheinen wie Traumwelten. In Interviews erwähntest Du die «spirit photography».

Marcus Schaefer und die „Spirit Photography“

In Essenz ist es eine Mischung aus beidem – dem Bewussten und dem Unterbewussten – mit dem Versuch dem Unterbewusstsein ein immer größer und klarer werdendes Ventil zu geben. Das Unterbewusstsein ist das eigentlich mysteriöse, das Bewusste eine rein technische oder operative Notwendigkeit.

Blickt man zurück in die Vergangenheit und die Anfänge der Fotografie, realisiert man wie magisch Fotografie im Vergleich zur heutigen digitalen, automatisierten Fotografie einmal war. Zu Zeiten des Piktorialismus – Ende des 19. und auch noch Anfang des 20. Jahrhunderts – haben die damals wesentlich geringeren technischen Mittel in der Fotografie, oft zu fehlerhaften Bilddarstellungen geführt, die ihren eigenen Charme innehatten. Durch das Praktizieren von Langzeitbelichtungen taucht man auch in den Nischenbereich der “spirit photography” ein. Man fängt also nicht einen Moment ein, sondern viele. Vergangenheit, Gegenwart & Zukunft in einem Bild. Hier wurde im Grunde das “spektrale Element” in der Fotografie und somit das magische Werkzeug entdeckt, in der Zeit hin und her zu reisen und das „Jetzt“ wie einen zeitlosen Ort in der Leere erscheinen zu lassen.

Paradigmenwechsel und KI in der Fotografie

Haben wir in unserer bild-überladenen Welt vergessen, poetisch zu sein?
Ich denke, das digitale Zeitalter und all seine Facetten (Smart Phone, Soziale Medien, KI etc.) hat u.a. zu einem Paradigmenwechsel in der Welt der Fotografie geführt. Das Medium der Fotografie ist allgegenwärtig und geradezu inflationär geworden, was in meinen Augen Segen und Fluch zugleich ist. Die “Poesie-Fotografie” koexistiert als visuelles Schmuckstück mit der größtenteils “banalen” Bilderflut und wird mehr und mehr zur Nadel im Heuhaufen. Zudem betritt ein völlig neuer Spieler das Spielfeld – KI generierte Bilder, die paradoxerweise die Poesie der Anfänge der Fotografie in sozialen Medien stark aufleben lassen.

Welche Projekte motivieren Dich aktuell?
Aktuell motiviert mich die Fertigstellung einer achtköpfigen Serie von lebensgroßen Skulpturen, die mich schon einige Monate intensiv beschäftigt und ich es kaum erwarten kann, sie endlich alle fertig zu haben.

Was macht Marcus Schaefer in seiner Freizeit? Wenn er sich mal von der eigenen Kreativität entspannt.
In meiner Freizeit befasse ich mich akribisch mit der Wissenschaft, da ich eine tiefe Faszination für das Universum, andere Planeten & Sonnensysteme, antike Technologien, Megastrukturen, Hochkulturen & deren Kunstformen habe.

www.marcusschaefer.com
Paris | France

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Entdecke mehr von ART OF MAGAZINE

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen