Rémi Bonnet – Linien der Freiheit im steilen Gelände

Rémi Bonnet spricht selten über Medaillen, wenn er über seinen Sport redet – er spricht über Berge. Sobald er sie erwähnt, beginnen seine Augen zu leuchten, als würde er die Linien im Hang vor sich sehen. Der 1995 in Charmey im Greyerzerland geborene Skibergsteiger, Trail- und Bergläufer teilt sein Jahr zwischen Wintern auf federleichten Rennski und Sommern auf technischen Trails.

Er zählt zu den prägenden Uphill-Spezialisten seiner Generation: Sieger der Skyrunner World Series im Vertical Kilometer (2015), zweifacher Gesamtsieger der Golden Trail World Series (2022, 2023), Uphill-Weltmeister 2025 sowie mehrfacher Welt- und Europameister im Vertical- und Individual-Rennen.
2025 verschiebt er beim Fully Vertical Kilometer die Messlatte: 27:21 Minuten für 1’000 Höhenmeter! 

Wenn Ski Mountaineering in Milano–Cortina erstmals olympisch wird, schaut Bonnet zu – der ultrakurze Sprint ist nicht sein Sport. Im Gespräch erzählt er, warum Freiheit, Spurwahl und die eigene Handschrift im Gelände für ihn wichtiger sind als jede Kamera und jedes TV-Format.

Interviewer: Rémi, für alle, die dich noch nicht kennen: Wie würdest du dich vorstellen? Wer ist Rémi Bonnet und was macht er in seinem Leben?

Rémi Bonnet: Am einfachsten: Ich bin jemand, der jeden Tag in die Berge gehen will – entweder zu Fuss oder auf Ski. Das ist eigentlich der Grund, warum ich zwei Sportarten betreibe: Im Winter liegt Schnee, also ziehe ich Ski an, im Sommer gehe ich mit Laufschuhen nach oben. Ich bin einfach ein Bergmensch.
Zu Hause haben wir einen kleinen Hof – Ziegen, Hühner, Katzen. Nicht als Business, wir produzieren keinen Käse oder keine Milch, wir mögen einfach Tiere und das Leben draussen. Mein Alltag ist ziemlich simpel: Berge und Tiere. (lacht)

Interviewer: Wo genau lebst du?

Rémi Bonnet: In Gruyère, im Dorf Charmey. Dort gibt es einen kleinen See, den Lac de Montsalvens. Es ist eine sehr schöne Gegend, perfekt zum Trainieren.


Interviewer: Du bist jetzt um die 30. Wie lange machst du diesen Sport schon – und wie hat alles angefangen?

Rémi Bonnet: Für diese Sportart habe ich eigentlich relativ spät angefangen – so mit etwa 18. Davor habe ich Fussball gespielt, hatte mit den Bergen nicht viel zu tun. Meine Mutter war Gleitschirmpilotin und Skifahrerin, aber als Kind mochte ich es nicht besonders, mit ihr in die Berge zu gehen. Das kam später.
Mit 16, 17 bin ich dann mit Freunden in die Berge gegangen. Da habe ich gemerkt, wie sich das anfühlt, stundenlang bergauf unterwegs zu sein – und ich habe mich in dieses Gefühl verliebt. Mit 18 hatte ich meine erste richtige Saison, ein Jahr später war ich bereits im Nationalkader, zwei, drei Jahre danach Junioren-Weltmeister. Das ging alles ziemlich schnell. Klar steckt viel Training dahinter, aber ich kann mich auch bei meinen Eltern bedanken – die Genetik passt. (lacht)

„Der olympische Sprint ist nicht meine Sportart.“

Interviewer: Ich war überrascht zu hören, dass du nicht zu den Olympischen Spielen gehen wirst. Stimmt das?

Rémi Bonnet: Ja, das stimmt. Das Problem ist: Das, was sie an den Olympischen Spielen zeigen, ist nicht der Sport, den ich liebe. Sie haben versucht, ein neues Format extra für Olympia zu schaffen – und das mag ich nicht.

Interviewer: Du sprichst vom Sprint?

Rémi Bonnet: Genau. Der olympische Sprint dauert ungefähr zwei, zweieinhalb Minuten. Für mich ist das, als würde man einen Strassenmarathon mit einem 100-Meter-Sprint vergleichen. Zwei unterschiedliche Sportarten. Es wäre, als würde man Eliud Kipchoge bitten, 100 Meter zu laufen – das macht keinen Sinn.

Am Anfang hiess es, die Hauptdisziplin an den Spielen würde das Individual-Rennen sein – die lange Strecke mit echten Auf- und Abfahrten, technischer, viel näher am eigentlichen Skibergsteigen. Da waren wir alle motiviert. Dann haben sie es geändert und den Sprint ins Zentrum gestellt. Für mich ist das keine gute Entwicklung für den Sport.

Interviewer: Weil damit ein anderer Athletentyp bevorzugt wird?

Rémi Bonnet: Genau. Um im Sprint erfolgreich zu sein, müsste ich alles umstellen – viel mehr Krafttraining im Kraftraum, Explosivität, ein ganzes Jahr fokussiert auf ein Rennen, das zwei Minuten dauert. Und ich kenne mich: Wenn ich etwas nicht wirklich mag, werde ich darin nicht top. Im Moment ist dieser olympische Sprint für mich eher ein TV-Produkt als echtes Skimo. Es ist leichter zu filmen, leichter, Zuschauer hinzustellen.

Was ich schwierig finde: Ich bin sechsfacher Weltmeister in meinem Sport – und gleichzeitig gehe ich nicht zu Olympia. Das zeigt ganz gut, wie wenig dieses Format mit der eigentlichen Disziplin zu tun hat.

Warum das Fernsehen den Sport (noch) nicht sieht

Interviewer: Du hast im Skibergsteigen so viele Titel und Medaillen – aber im TV kommt der Sport kaum vor. Warum?

Rémi Bonnet: So genau weiss ich es auch nicht. Der Sport ist wunderschön und extrem hart: Man muss sehr komplett sein, man trainiert wahnsinnig viel. Heute Morgen war ich zum Beispiel viereinhalb Stunden in den Bergen, einfach rauf und runter. Nicht viele Sportarten verlangen so viel Arbeit.

Global ist Skibergsteigen noch eine Nische, aber in manchen Regionen ist es schon gross – in einigen Schweizer Regionen macht „jeder“ Skitouren, in Italien ist es ebenfalls recht gross. Frankreich und Spanien auch. Trotzdem bleibt es recht lokal.

Und dann ist da das Thema TV: Vor ein paar Jahren brauchte man noch Helikopter, um ein Rennen in den Bergen zu filmen – das ist teuer und kompliziert. Mit Drohnen ist es heute viel einfacher, man sieht das z. B. in der Golden Trail World Series. Wenn so etwas mehr ins Skibergsteigen kommt, könnte man den Sport ganz anders zeigen.

Sommer und Winter – Trail, Skyrunning und Skimo

Interviewer: Du startest ja nicht nur in einer, sondern in mehreren, verwandten Disziplinen: Trailrunning, Skyrunning, Ski Mountaineering. Wie ordnest du das für dich?

Rémi Bonnet: Im Sommer mache ich Trail- und Berglauf. Das kürzeste Rennen ist der Vertical Kilometer – 1’000 Höhenmeter auf sehr kurzer Distanz. Meine Bestzeit ist 27:21. Das ist die kurze, brutale Variante.
Dann laufe ich längere Bergmarathons von drei bis vier Stunden und natürlich die Golden Trail World Series. Die habe ich zweimal gewonnen. Wir haben sechs oder sieben Rennen pro Jahr, es zählen die drei besten Resultate plus ein Finale.

Für mich ist Sierre–Zinal in der Schweiz das speziellste Rennen. Das war der Lauf, der mich als Jugendlicher überhaupt vom Laufen hat träumen lassen. Dazu kommen Ikonen wie Zegama im Baskenland und der Marathon du Mont-Blanc in Chamonix.

Interviewer: Und Skyrunning?

Rémi Bonnet: Skyrunning bedeutet technischeres Gelände – mehr Off-Trail, mehr Grate, mehr Ausgesetztheit. Bevor es die Golden Trail World Series gab, war Skyrunning die wichtigste internationale Serie: die Skyrunner World Series. Die habe ich früher einmal gewonnen, vielleicht vor fünf, sechs Jahren.

Heute ist die Golden Trail World Series populärer und mischt alles: Manche Rennen sind mehr Skyrunning, andere eher laufbar. Diese Kombination passt vielen Athleten.

Interviewer: Und im Winter ist dann Skimo dran?

Rémi Bonnet: Genau. Von Oktober bis Mai ist Skibergsteigen. In Südamerika gibt es noch nicht viele Athleten, das entwickelt sich gerade erst. Die stärksten Nationen sind im Moment Schweiz, Italien, Frankreich und Spanien – auch Österreich. Skandinavien hat ebenfalls gute Teams, aber sie sind noch im Aufbau.

Die ISMF – International Ski Mountaineering Federation – organisiert den Weltcup. Dort sind praktisch nur Profis unterwegs. Was ich am Skimo aber besonders mag: Bei anderen Rennen wie der Patrouille des Glaciers stehst du mit „normalen“ Leuten an der Startlinie. Elite und Volksläufer teilen sich das Rennen, das hält den Sport sehr menschlich und nah an der Community.

Patrouille des Glaciers vs. Olympia

Interviewer: Die Patrouille des Glaciers – von Zermatt nach Verbier – ist fast legendär. Welche Bedeutung hat dieses Rennen für dich?

Rémi Bonnet: Eine riesige. Für mich war das immer ein Traumrennen. Man startet im Dreierteam, weil man über Gletscher geht und lange Strecken angeseilt unterwegs ist – man fährt sogar Teile der Abfahrten am Seil.

Für die Schweizer Nationalmannschaft ist das alle zwei Jahre ein Hauptziel. Wir stellen immer die drei besten Schweizer zusammen, um zu versuchen zu gewinnen. Wir wurden zweimal Zweite, und beim letzten Mal haben wir endlich gewonnen – mit Martin Anthamatten aus Zermatt und Werner Marti aus Grindelwald. Das war ein grosser Traum, der in Erfüllung gegangen ist.

Das Rennen findet alle zwei Jahre statt, meistens Ende April oder Anfang Mai. Ganz ehrlich: Ich gewinne lieber die Patrouille des Glaciers, als für einen Sprint zu Olympia zu fahren. Wenn ich wählen muss, nehme ich PDG. (lacht)

„Wenn ich ein Wort wählen müsste, wäre es Freiheit.“

Interviewer: Was ist die Faszination des Skibergsteigens für dich? Wie erklärst du das?

Rémi Bonnet: Wenn ich es auf ein Wort reduzieren müsste, dann wäre es Freiheit. Du kannst hingehen, wohin du willst, ohne dass dich jemand hinbringen muss. Du zeichnest buchstäblich deine eigene Linie in den Bergen.

Du musst keiner fixen Piste folgen. Du kannst morgens aufstehen und entscheiden: Heute mache ich diesen Gipfel, jenen Grat, vielleicht drei Berge hintereinander – nur mit eigener Kraft. Du bist nur du und der Berg. Und dann hast du auch noch die Abfahrt, die Spass macht. Diese Kombination ist sehr speziell.

Was es braucht, um im Skimo zu gewinnen

Interviewer: Was braucht ein Athlet wirklich, um im Skibergsteigen stark zu sein? Motor, Technik, Leichtigkeit, Taktik, Mentalität?

Rémi Bonnet: Es ist eine sehr komplette Sportart. Du brauchst einen starken Motor für die Anstiege – pure Uphill-Kapazität. Du brauchst Technik für Spitzkehren, für Passagen mit Ski am Rucksack, für Grate und Stellen, die ein bisschen ausgesetzt sind. Du musst dich wohlfühlen, wenn es steil oder etwas heikel wird – sonst wirst du am Skimo keine Freude haben.

Und du musst auch gut runterfahren können. Du kannst der beste Uphill-Spezialist der Welt sein – wenn deine Abfahrt schlecht ist, gewinnst du kein Skimo-Rennen. Vielleicht kommst du mit drei Minuten Vorsprung am Gipfel an und verlierst alles in der Abfahrt. Du musst wirklich in allen Bereichen gut sein.

Interviewer: Wie bist du so ein guter Skifahrer geworden?

Rémi Bonnet: Meine Mutter war früher Skilehrerin, dadurch stand ich sehr früh auf Ski – ich erinnere mich gar nicht daran, wann genau ich angefangen habe. Skibergsteigen ist anders als alpiner Rennsport, weil du fast immer abseits der Piste unterwegs bist. Die Schneeverhältnisse ändern sich oft komplett zwischen Gipfel und Tal.

Wir benutzen extrem leichtes Material: Meine Ski mit Bindung wiegen etwa 750 Gramm, die Schuhe ungefähr 500 Gramm – alles Carbon. Das ist etwas zwischen einem normalen Ski und einem Langlaufski. Wenn man das nicht gewohnt ist, möchte man damit nicht schnell talwärts fahren. (lacht) Aber weil ich jeden Tag damit unterwegs bin, rauf wie runter, weiss ich, wie ich es kontrollieren muss.

Trainingsumfang, Coaching und Höhe

Interviewer: Du hast gesagt, du trainierst jeden Tag. Wie ist dein Training strukturiert?

Rémi Bonnet: Ich habe einen privaten Coach für Sommer und Winter. Über Red Bull haben wir zusätzlich Support, aber mein Hauptcoach ist jemand, mit dem ich seit sechs Jahren arbeite. Er kennt mich sehr gut, wir sind auch befreundet.

Ich bin gern draussen, deshalb gehe ich nur ein- bis zweimal pro Woche ins Fitness. Der Rest ist Laufen, Biken im Sommer und Skimo im Winter. Für das Krafttraining habe ich zusätzlich einen eigenen Strength-Coach, und natürlich gehören Ernährungsberater, Physio und Arzt dazu – wie bei jedem Profisportler auf diesem Niveau braucht man ein kleines Team um sich.

Die Basis meines Trainings ist Ausdauer in den Bergen: Ich mache etwa 500’000 Höhenmeter pro Jahr – also eine halbe Million Höhenmeter im Aufstieg. Das ist das Fundament. Oben drauf kommen dann spezifische Einheiten, Intervalle, Reize, um dem Körper immer wieder etwas Neues zu geben. Der Aufbau ist jedes Jahr ähnlich, aber wir verändern die Details, damit die Entwicklung weitergeht.

Interviewer: Nutzt du auch Höhe?

Rémi Bonnet: Ja, aber mit Vorsicht. Wir leben sowieso in den Bergen, sind also oft in der Höhe. Manchmal schlafen wir vor wichtigen Rennen etwas höher; ich habe zu Hause auch ein Höhengerät fürs Schlafen, aber nicht fürs Training. Wenn wir zusätzlich auch noch regelmässig in Höhe trainieren würden, wäre das zu viel – man würde sich eher verbrennen.

Mindset: keine Rituale, einfach bereit sein

Interviewer: Machst du spezielles Mentaltraining – Yoga, Visualisierung, Atemtechniken?

Rémi Bonnet: Ehrlich gesagt: nein. Ich habe vor Rennen nicht viel Stress. Ich weiss, was ich zu tun habe, ich weiss, worin ich gut bin und wo nicht. Ich bin nicht der Typ, der gerne jedes Detail im Kopf durchspielt. Ich lebe lieber den Moment und gebe an diesem Tag alles.

Für mich ist entscheidend, dass ich am Start weiss: Ich bin vorbereitet. Ich habe die Arbeit zu Hause gemacht. Dann kann ich das Rennen eher geniessen, als alles zu überdenken.

Auf den härtesten, steilsten Metern spielt der Kopf natürlich eine Rolle – aber es geht nicht um komplizierte Rituale. Es geht mehr darum, den Schmerz zu akzeptieren und fokussiert zu bleiben.

Rennkalender, Reisen und Balance

Interviewer: Wie viele Rennen bestreitest du pro Jahr?

Rémi Bonnet: Im Winter etwa 15, im Sommer sechs oder sieben. Im Skimo-Weltcup gibt es häufig zwei Rennen pro Wochenende, Samstag und Sonntag. Dazu kommen Etappenrennen wie die Pierra Menta in Frankreich – vier Tage am Stück.

Die Reisedauer hängt vom Ort ab. Für einen Weltcup in Andorra reise ich zum Beispiel vielleicht drei Tage vorher an. Wir kennen den Ort, das Hotel, den Schnee. Für weiter entfernte Destinationen wie die USA fliege ich etwa zehn Tage früher, um Jetlag und Höhe anzupassen.

Wir versuchen, die Strecke mindestens einmal zu besichtigen, vor allem wegen der Schneeverhältnisse in der Abfahrt. Die Ski bleiben eigentlich gleich, aber wir variieren Struktur und Wachs je nach nassem, eisigem oder frischem Schnee.

Interviewer: Und das Reisen an sich – magst du das noch?

Rémi Bonnet: Ich mag es schon, aber nicht mehr so wie früher. Früher war ich fast nie zu Hause. Jetzt habe ich ein Haus in meinem Dorf, ich habe Tiere – ich bin wirklich gern daheim. Heute reise ich für Wettkämpfe und komme so schnell wie möglich zurück. Eine Woche in einer grossen Stadt ist für mich schon viel. (lacht)

Die Berge sind gleichzeitig mein „Drug“ und meine Erholung. Wenn ich eine Woche nicht in die Berge gehe, fühle ich mich fast krank.

Ernährung, Kalorien und nicht zu streng sein

Interviewer: Bei diesem Trainingsumfang – wie ernährst du dich? Strikte Diät oder eher nach Gefühl?

Rémi Bonnet: Nicht besonders strikt. Meine Freundin ist Vegetarierin, deshalb esse ich zu Hause fast kein Fleisch. Im Restaurant nehme ich manchmal Fleisch, weil ich es mag, aber im Alltag ist es meist vegetarisch – viel Pasta, Reis, gute Fette wie Avocado, viele Eier, weil wir Hühner haben.

Am wichtigsten ist für mich, genug zu essen. Wenn du fünf Stunden draussen in der Kälte trainierst, ist es wirklich schwierig, das zu kompensieren, was du verbrennst. Ich würde sagen, ich esse im Schnitt 5’000 bis 6’000 Kalorien pro Tag, je nach Einheit. Das ist viel, und das schafft man nicht, wenn man zu streng ist. Man braucht auch „Genuss-Essen“ – ein Stück Schokoladenkuchen nach einem langen Tag ist auch gut für den Kopf. (lacht)

Ich habe eine Ernährungsberaterin, aber die Vorgaben sind nicht super rigide. Drei Tage vor einem Rennen werde ich etwas sorgfältiger, damit der Magen Ruhe hat; ich weiss, welche Lebensmittel für mich gut funktionieren – meist einfache Sachen wie Pasta.

Interviewer: Und während der Rennen?

Rémi Bonnet: Das hängt von der Distanz ab.

  • Ein Vertical-Rennen im Skimo über 20 Minuten – da nehme ich gar nichts.
  • Ein Individual-Rennen über 1,5 Stunden – vielleicht einen halben Liter Flüssigkeit und zwei Gels.
  • Patrouille des Glaciers – sechs Stunden – da isst du alle 20–30 Minuten etwas.

Im Sommer bei Marathons nehme ich etwa sechs Gels über drei bis vier Stunden und trinke ungefähr 500 ml pro Stunde, meist ein Kohlenhydrat-Getränk wie Maurten. Wenn ich deutlich mehr trinke, bekomme ich eher Magenprobleme. Es geht also auch hier um die Balance.

Trailrunning vs. Skimo – Karriere, Geld und Ziele

Interviewer: Wenn du die Karriere-Seite anschaust: Wie unterscheiden sich Trailrunning und Skibergsteigen in Bezug auf Einkommen und Perspektive?

Rémi Bonnet: Trailrunning ist deutlich grösser. Um ehrlich zu sein: Den grössten Teil meines Geldes verdiene ich mit Trailrunning. Skimo macht nur einen kleinen Teil des Budgets aus. Trail wächst sehr schnell – Marken wie Nike und adidas steigen ein, es gibt mehr Medien, mehr Sponsoren, mehr Leute, die auch in der Stadt laufen.

Im Moment ist Trailrunning vor allem privat organisiert – Marken sponsern Athleten, nationale Verbände spielen kaum eine Rolle. Ich bin sicher, dass Trailrunning früher oder später olympisch wird. Beim Berg- und Trail-WM waren bereits Leute vom IOC vor Ort und haben sich das angeschaut. Vielleicht Los Angeles 2028, vielleicht später – aber der Weg ist klar.

Interviewer: Wie viele Athleten sind auf deinem Niveau in beiden Welten unterwegs – Sommer und Winter?

Rémi Bonnet: Sehr wenige. Momentan sind es eigentlich nur zwei: Davide Magnini aus Italien und ich. Er ist sehr talentiert, etwa ein Jahr jünger als ich.

Zwei Sportarten auf hohem Niveau zu machen, ist anspruchsvoll. Man hat kaum Pause. Ich habe vielleicht eine echte Woche im Jahr ohne Sport. Danach geht die Vorbereitung für die nächste Saison wieder los. Man muss mental bereit sein, eine Disziplin zu beenden und eine Woche später mit der anderen wieder von vorne zu beginnen.

Interviewer: Was sind deine grossen Ziele, die noch übrig sind?

Rémi Bonnet: Als ich begonnen habe, habe ich mir eine Liste mit Traumrennen geschrieben. Im Laufe der Jahre konnte ich alle gewinnen – bis auf eines: Sierre–Zinal. Das ist mein letzter grosser Traum im Laufen.

Im Skimo war die Patrouille des Glaciers ein riesiges Ziel. Für die Zukunft wäre es natürlich unglaublich, wenn irgendwann das echte Individual-Rennen olympisch würde und ich eine Goldmedaille für die Schweiz holen könnte. Aber das liegt nicht in meiner Hand. Sierre–Zinal schon – dafür kann ich trainieren und alles hineinlegen.

Die Zukunft des Sports

Interviewer: Wo siehst du das grösste Entwicklungspotenzial für Trailrunning und Skibergsteigen?

Rémi Bonnet: Trailrunning hat ein riesiges Potenzial – global, das ganze Jahr über. Man kann im europäischen Sommer hier laufen und im „Winter“ der Nordhalbkugel in der südlichen Hemisphäre. Die Golden Trail World Series ist bereits auf mehreren Kontinenten unterwegs – China, Japan, USA. Wir hatten sogar einmal ein Finale in Kapstadt auf dem Tafelberg.

Skibergsteigen hat mehr Grenzen – es ist teurer im Einstieg, man braucht Material, Schnee, Berge. Man braucht Eltern, die einem als Kind die Ausrüstung kaufen können. Trotzdem sehe ich eine gute Zukunft, vor allem wenn im TV und im Streaming mehr vom echten Sport gezeigt wird und nicht nur das einfachste Format.

Wenn mehr Leute die Bilder dessen sehen, was wir machen – Linien, Grate, Atmosphäre –, werden sich einige von ihnen in die Sportart verlieben, so wie ich. Und dann wird es, wie immer in den Bergen, darum gehen, zu wachsen, ohne daraus einen überfüllten Freizeitpark zu machen.

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