Richard Phillips: Hyperrealismus und die Kunst der Provokation

Seine Kunst ist provozierend und vielfältig. Und sie fordert unsere Betrachtung der Welt und unsere Denkschemata heraus!

In Phillips Hyperrealismus kommt eine Unerbittlichkeit zum Tragen, die die Träume und Botschaften des „American Way of Life“ in ein irritierendes Feld von Widersprüchen führt. Der 1962 in Massachusetts geborene Künstler macht mit seinen Arbeiten deutlich, dass Sexualität kein privates Thema ist, sondern ein kultureller Topos, der das Ende einer Epoche anzeigt. Was als sexuelle Revolution begann, manifestiert sich als der Untergang einer Idee, ein Abgesang in Ölfarbe, der nüchtern ist und uns erschauern lässt.

Daniel Chardon (DC) / Richard Phillips, vielen Dank, das wir anlässlich Ihrer aktuellen Ausstellung „Best Pictures“ in der Galerie Gmurzynska über Ihre ungewöhnlichen Kunstaktionen von Surfbrettern für Tommy Hilfiger bis hin zu Autodesigns für Porsche sprechen dürfen. Ihre Kunst hat viele Facetten?
Richard Phillips (RP) / Die Beziehung zwischen mir und Modemarken begann schon früh, als ich mit Jimmy Choo oder Tamara Mellon zusammenarbeitete. Hier begann mein Interesse an einer Malerei, die sich aus der Anwendung traditioneller Ölmaltechniken auf Modebilder im Pop-Art-Massstab aus den späten Sechzigern und frühen Siebzigern ergab.

DC / Sie sind mit der Kunst von Jeff Koons und Andy Warhol aufgewachsen?
RP / Einer meiner ersten Jobs, als ich nach New York zog, war ein Job bei Andy Warhol. Ich habe für einen Bauunternehmer gearbeitet, der im Keller seines Ateliergebäudes Türen einbaute (lacht). Es war ein interessanter Einstieg in die kulturellen Gepflogenheiten von New York City.

DC / Es gibt eine Geschichte, in der Sie spät nachts auf dem Nachhauseweg ausrangierte Modemagazine mitnehmen?
RP / Ja (lacht)! Als ich aus Knoxville, Tennessee nach New York zurückkehrte, war ich wirklich beeindruckt von der Macht riesiger Modeplakate. Auf dem Heimweg fand ich einen Fotografen, der seine Modemagazine mit Fotos berühmter Fotografen wie Avedon entsorgte. Die Magazine inspirierten mich zu grossformatigen Ölgemälden mit ungewohnten Themen, die eine physische und visuelle Reaktion auslösten. Um die deckenhohen Gemälde aus meiner winzigen Wohnung herauszuschaffen, musste ich meinen Küchentisch in zwei Hälften schneiden.

Richard Phillips und Europa

DC / Ihre Verbindung zur Schweiz?
RP / Ich bin zum 24. Mal hier! Angefangen von meiner ersten Ausstellung in der Kunsthalle Zürich im Jahr 2000 bis zur aktuellen Ausstellung in der Galerie Gmurzynska. Europa scheint die Dialektik meiner malerischen Kraft in Kombination mit den Themen Konsumverhalten und Schönheit besser zu verstehen.

Richard Phillips

DC / Gibt es einen Unterschied in der Wahrnehmung zwischen Europa und den USA?
RP / Ich glaube ja. Meine Bilder, die Bezug zur Sexualität nehmen, scheinen in Europa als normaler Bestandteil des Lebens akzeptiert zu werden. Erotik und Pornografie sind heute allgegenwärtig. In den USA gab es eine Art Gegenbewegung gegen erotische Bilder, ein neuer Konservatismus ist aufgekommen. Aber meine Arbeiten haben diesen Aspekt nie wirklich in Frage gestellt. Sie sind in Ausstellungen mit anderen Gemälden integriert. Je nach eigener Veranlagung nimmt man sie eben auf unterschiedliche Weise wahr.

Der Porsche als Kunstobjekt

DC / Ihr Porsche-Virus hat Sie immer noch fest im Griff?
RP / Ich hatte das grosse Glück, mich mit einem der berühmtesten GT-Fahrer, Jörg Bergmeister, anzufreunden. Wir haben 2019 zusammen einen mit Kunst dekorierten Porsche entworfen, der tatsächlich die 24 Stunden von Le Mans gewann! Die Herausforderung bestand darin, dreidimensional zu arbeiten. Eine unglaubliche Erfahrung.

„Most Wanted“ und „Best Picture“ – Hyper-realistische Pop-Art Porträts

Most Wanted’ exhibition at London’s White Cube
’Most Wanted’ exhibition at London’s White Cube Hoxton Square. (Image credit: Tom Powel)

DC / Ihre Porträtbilder und die Reflektionen dazu?
RP / Vor 13 Jahren gab es die „Most Wanted“ Ausstellung in London. Den Titel habe ich von Andy Warhols Most Wanted by FBI übernommen. Sie geht auf Fragen ein wie: „Welchen Platz hat die Malerei in einer Kultur mit einem unersättlichen Hunger nach intimen Details und der ständigen Verfügbarkeit von Bildern?“
Johnny Depp, der sich, anlässlich eines Besuchs einer Ausstellung im MoMA durch den Pressebereich schlängelte, bekam mehr Aufmerksamkeit als die Ausstellung selbst. Das hat mich zu meinen Bildern inspiriert, die die Rolle der Prominentenvermarktung hinterfragen.

Die „Best Picture“ Ausstellung hingegen zeigt Porträts von Prominenten. Diese Prominenten waren für die Oscars 2024 nominiert, wie Cillian Murphy, Margot Robbie oder Bradley Cooper. Ich durchsuchte viele Pressebilder, um diejenigen zu finden, welche aus dem Schema ausbrachen und ein wenig vom wahren Ich zeigen. Die alte venezianische konstruktive Technik der Kohlezeichnung half mir, die Feinfühligkeit einer tiefer reichenden Psychologie herauszuarbeiten. Die Zeichnung dämpft die «reisserische» Darstellung. Filme schaffen eine gewisse Distanz. Ich wollte diese Distanz mit Sensibilität überbrücken.

DC / Hat sich Ihre Inspiration im Laufe der Zeit verändert?
RP / In den letzten vier Jahren habe ich an einem privaten Auftrag gearbeitet. Dabei ging es um grossformatige Gemälde für eine Villa in St. Moritz. Das ist eine andere kreative Herausforderung. Die Zeit, die ich an diesen Gemälden verbrachte, hat mir wirklich geholfen, meine Technik und die Fähigkeit zu entwickeln, Darstellungen zu schaffen, die über das Subjekt hinausgehen.

Galerie Gmurzynska 
Die Galerie Gmurzynska präsentierte anlässlich des „Zurich Film Festivals“ 2024 in ihrer Galerie am Paradeplatz die neue Serie des renommierten zeitgenössischen Künstlers Richard Phillips; die erste Einzelausstellung des Künstlers in Zürich seit 24 Jahren.
1965 in Köln gegründet, ist die Galerie Gmurzynska seit über 50 Jahren eine der führenden internationalen Kunstgalerien, die sich sowohl auf Meisterwerke der klassischen Moderne als auch Nachkriegskunst spezialisiert hat. Die Galerie Gmurzynska ist weiterhin die wichtigste Galerie für Künstler der russischen Avantgarde und der frühen Abstrakten Kunst des 20. Jahrhunderts.

Galerie Grurzynska
8001 Zürich Switzerland
www.gmurzynska.com

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