Ein Walserhaus von 1393 – und ein Gespräch mit Gerold Schneider (Almhof Lech) über Wesentlichkeit, Material und die Frage, was Räume hinterlassen.
Die Geschichte, die Gerold Schneider erzählt, beginnt nicht im Sonnenhof, sondern ein paar Höhenmeter weiter unten: im Almhof Lech. Dort führt er eines der wenigen verbliebenen familiengeführten 5-Sterne-Superior-Hotels der Alpen – ein Haus, das seit Jahrzehnten als Adresse für diskreten Luxus gilt und doch nie nur Bühne, sondern immer auch Resonanzraum war: für Landschaft, Geschichte, Gäste.
Parallel dazu hat Schneider mit der allmeinde und dem Kunstraum in Zug eine zweite Ebene eröffnet: Orte, an denen eine Region über sich selbst nachdenken kann. Ein Denkraum, ein Werkraum, ein Kunstraum – nicht als Dekor zum Tourismus, sondern als Versuch, Fragen nach Gemeinsinn, Baukultur und Verantwortung in konkrete Räume zu übersetzen.
Der Sonnenhof fügt dieser Topografie nun eine weitere Schicht hinzu. Ein Walserhaus aus dem 14. Jahrhundert, dessen Substanz nicht museal konserviert, sondern behutsam freigelegt wurde: als bewohnbares Archiv, als gelebtes Stück Baugeschichte. Mit ihm stellt Schneider die vielleicht simpelste und zugleich schwierigste Frage neu: Was hinterlassen wir unseren Räumen – und was hinterlassen sie uns?
ART OF: Gerold, der Sonnenhof wirkt, als wäre er weniger „erfunden“ als eher freigelegt. Was verkörpert dieses Haus für dich?
Gerold Schneider: Der Sonnenhof ist eines der letzten Beispiele in Lech, an denen man unser geschichtliches Erbe noch wirklich ablesen kann. Ein klassischer Hof, nicht neu erfunden: landwirtschaftlicher Betrieb mit umgebenden Flächen, ein Teil als Wohntrakt für die Familie – manchmal zwei Generationen, aber im Grunde ein Haus für „eine Linie“. Meist konnte nur ein Sohn bleiben, alle anderen mussten gehen.
Das Besondere: Der Sonnenhof reicht zurück in die erste Besiedlungswelle von Lech im 14. Jahrhundert. Die ältesten Teile stammen von 1393 – Keller, Stube und Flurküche. Die Leute haben tatsächlich in drei Räumen gelebt, in einem einzigen beheizten Raum.
ART OF: Das heißt: ein Haus, das die Geschichte der Walser fast durchgängig in sich trägt?
Gerold Schneider: Ja. Lech war vorher natürlich schon temporär besiedelt, aber die große erste Walser-Besiedlungswelle stammt aus dem 14. Jahrhundert, eine zweite dann bis ins frühe 17. Jahrhundert. Man sieht das am Sonnenhof sehr schön an den Bauphasen.
1436 wurde das Haus erweitert – mit einem kuriosen Eingriff: Man hat das Dach abgenommen, das gestrickte Erdgeschoss zur Seite gestellt, ein neues Erdgeschoss eingefügt und das alte Erdgeschoss oben wieder aufgesetzt, dann das Dach erneut aufgesetzt. Man erkennt das bis heute: Das ältere Erdgeschoss besteht aus roh behauenen Baumstämmen mit Baumkante, voller Unregelmäßigkeiten. Die spätere Bauphase zeigt bereits sauber behauene Stämme.
ART OF: Wenn man durch das Haus geht – was erfährt man über diese Zeit?
Gerold Schneider: Man versteht, wie radikal einfach das Leben war. An den alten Fenstergrößen, an den drei Räumen, an der Art, wie gebaut wurde, kann man sich vorstellen, in welcher Armut Menschen hier gelebt haben – und wie klug sie mit dem Klima umgehen mussten.
Spannend ist: Wir gehen heute in diese Räume, wissen, dass sie 600 Jahre alt sind – und empfinden sie immer noch als angenehm, als menschlich. Ich weiß nicht, welche Bauten wir heute errichten, von denen wir in 600 Jahren dasselbe sagen werden.
ART OF: Steht der Sonnenhof unter Denkmalschutz?
Gerold Schneider: Nein. Er wurde über die Jahrhunderte so oft überformt, dass er nicht klassisch denkmalgeschützt ist – wir haben auch keinen Kontakt zu den Behörden gesucht. Wenn man so ein Haus erwirbt, braucht es ohnehin etwas anderes als Auflagen: Leidenschaft für das, was da ist, und Wertschätzung für die Substanz. Sonst sollte man einen Bauplatz kaufen und neu bauen.
Für uns war klar: Mit dem Kauf übernehmen wir Verantwortung – für die Geschichtsträchtigkeit dieser Bausubstanz und ihre Einzigartigkeit.
ART OF: Viele würden ein solches Haus in ein Museum verwandeln. Du sprichst lieber von „lebendiger Baukultur“…
Gerold Schneider: Ein klassisches Museum war nie das Ziel. Diese Häuser sind über Jahrhunderte benutzt, adaptiert, bewohnt worden. Sie sind sedimentierte Geschichte – aber eben bewohnbare Geschichte. Man könnte sagen: ein lebendiges Museum.
In der Schweiz gibt es ein Format namens „Ferien im Baudenkmal“. Diese Idee kommt dem sehr nahe: historische Bausubstanz, die nicht hinter Glas gestellt wird, sondern erfahrbar bleibt. In Österreich existiert so etwas in der Form nicht.
ART OF: Du vermeidest im Zusammenhang mit dem Sonnenhof das Wort „Luxus“ – und auch den Begriff „Chalet“. Warum?
Gerold Schneider: „Luxus“ ist ein völlig überstrapaziertes Wort. Wie „Kunst“, wenn plötzlich alles Kunst ist – dann ist nichts mehr Kunst. Ähnlich beim Luxus: Wenn alles Luxus heißt, verliert der Begriff jede Schärfe. Ich verwende ihn deshalb lieber gar nicht.
Und „Chalet“ ist ähnlich problematisch. Unsere heutige Erwartung an ein Chalet ist vorprogrammiert: offener Kamin, Jacuzzi, Kino, Wellnessanlage, alles möglichst überbietend. Das kann und soll dieses Haus nicht leisten. Der Sonnenhof ist ein altes Walserhaus – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Er macht erlebbar, wie hier einmal gewohnt wurde. Und er richtet sich an Menschen, die genau das schätzen: Baukultur, Atmosphäre, Lage – nicht Superlative.
ART OF: Was ist der Gegenbegriff zu Luxus in deiner Arbeit am Sonnenhof?
Gerold Schneider: Vielleicht „Verwesentlichung“. Es geht nicht darum, noch mehr Funktionen in ein altes Haus zu pressen, sondern darum, zu erkennen, was wesentlich ist – und was man weglassen kann.
Es gibt natürlich Komfort: Wir haben Fernwärme, Boden- und Wandheizung, man muss hier niemandem zumuten zu frieren. Man kann über den Kachelofen heizen und sogar wieder mit Holz kochen. Aber all das ordnet sich der alten Struktur unter. Neu ist, was neu sein muss – die Substanz bleibt spürbar.
ART OF: Du legst großen Wert darauf, dass die Bauweise selbst spürbar bleibt – nicht nur die Oberfläche.
Gerold Schneider: Genau. Der neue Teil ist bewusst in Strickbauweise ausgeführt – massiv, nicht verkleidet. Man spürt dieses Material, man spürt die baubiologischen Eigenschaften von Massivholz, nicht nur eine aufgesetzte Holzhülle.
Heute bauen wir meist Stahlbeton, Dämmung und ein bisschen Altholz obendrauf. Das sieht vielleicht ähnlich aus, hat aber physikalisch und atmosphärisch völlig andere Eigenschaften als ein Gebäude, das wirklich aus Holz „gedacht“ ist. Im Sonnenhof arbeiten wir mit Handwerkstechniken, die fast verschwunden sind – Kalkmörtelböden, vorsichtig freigelegte und neu aufgemauerte Natursteinwände, massive Strickhölzer. Techniken, die über Jahrhunderte funktioniert haben und heute immer noch funktionieren – obwohl sie sich kaum noch jemand antut.
ART OF: Am Ende ist der Sonnenhof also mehr als ein Ferienhaus?
Gerold Schneider: Er ist vielleicht ein Versuch, Baukultur als Haltung zu leben. Ein Haus, das Geschichte atmet und Zukunft denkt. Kein Ort des „Noch-mehr-noch-teurer“, sondern ein Walserhaus, das in seiner Unverwechselbarkeit bestehen darf – und Menschen heute trotzdem gut tut.
TEIL 2 · ALLMEINDE, KUNSTRAUM, WERKRAUM – ORTE FÜR REFLEXION
Während der Sonnenhof das historische Gedächtnis von Lech in Holz und Mauerwerk bündelt, arbeitet Gerold Schneider parallel an einer anderen Art von Raum: Räumen, in denen eine Region über sich selbst nachdenken kann.
Mit der allmeinde begann vor rund 25 Jahren eine Entwicklung, die erst heute ihre volle Form bekommt. Der Name ist Programm: Allmeinde als deutsches Pendant zu „commons“ oder „communitas“ – ein Verweis auf den italienischen Philosophen Roberto Esposito, der über Communitas und Immunitas schreibt. Beide Begriffe haben eine gemeinsame Wurzel: munus, die Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft. Für Schneider ist das mehr als Theorie: „Ich habe das immer so gesehen – als Verpflichtung, dem Ort der Herkunft und der Gemeinschaft etwas zurückzugeben.“
Aus einem einzelnen Haus – einem Ort für Bibliothek, Diskussion und Ausstellungen – ist inzwischen ein kleiner kultureller Cluster geworden: allmeinde, Kunstraum und Werkraum, ergänzt durch zwei Häuser, die als Unterkünfte dienen können. Ein Kopf, ein Hand, ein Herz:
- Die allmeinde als Denkraum und Archiv,
- der Werkraum als Ort, an dem tatsächlich gearbeitet, gebaut, gebrannt werden kann – inklusive Brennofen für Keramik,
- der Kunstraum als White Cube, der die Ausstellungstätigkeit der Gemeinde auslagert und zugleich unabhängige Projekte ermöglicht.
Schneider beschreibt den Kunstraum als „Ausdifferenzierung dessen, was ursprünglich alles in der allmeinde stattfand“: Ausstellungen, Diskussionen, künstlerische Projekte. Weil eine Ausstellung das Haus jeweils über Wochen blockiert, hat die Ausstellungstätigkeit nun ihren eigenen Ort bekommen – klarer, flexibler, neutraler. Kunst ist dabei für ihn kein Selbstzweck, sondern eines von mehreren Medien, um Wahrnehmung zu schärfen. Projekte wie die Fotografieserie „Raumanneignungen“ von Walter Niedermayr, die Lech über zwei Jahre hinweg neu kartiert, stehen exemplarisch dafür.
Anders als eine klassische Galerie versteht sich der Kunstraum als Labor: ein Ort für Artists in Residence, für Workshops, für Menschen, die ihren Standort verlassen wollen, um an einem anderen Ort – in den Bergen, in der Stille – zu denken und zu arbeiten. Die beiden Unterkünfte, das ehemalige Mitarbeiterhaus Zugerhorn und ein weiteres Walserhaus, machen Aufenthalte über die Wintersaison hinaus möglich. „Man kann Dinge tun, die unabhängig vom Modell der Wintersaison sind“, sagt Schneider. Veranstaltungen, die nicht am Skifahren hängen, sondern an Inhalten.
Dass eine solche kulturelle Infrastruktur ausgerechnet in einem touristisch hoch verdichteten Ort wie Lech entsteht, ist kein Zufall. Die Region sei monokulturell geprägt, sagt Schneider, mit wenig institutionalisierter Selbstreflexion. Genau hier setzt die allmeinde an: als privat getragene, aber öffentliche Aufgabe, als Ort, an dem Fragen verhandelt werden können, die über den Tagesbetrieb hinausgehen – von Raumplanung über Architekturqualität bis hin zu Over-Tourism und Abwanderung. Kooperationen mit Institutionen wie Schweizer Hochschulen, Raumentwicklern oder Initiativen auf den Kykladen holen Wissen von außen in den Ort zurück.
Was im Sonnenhof baulich geschieht – Erhalt statt Erfindung, Verwesentlichung statt Superlative – setzt sich im geistigen Raum der allmeinde fort: als Versuch, einen Ort zu schaffen, an dem Herkunft und Zukunft gemeinsam gedacht werden können. Oder, um bei Esposito zu bleiben: als gelebtes munus – die Entscheidung, Verantwortung nicht nur für ein Haus, sondern für einen Lebensraum zu übernehmen.
Haus W
— Das nächste Kapitel der Almhof Heritage Collection
Im stillen Ortsteil Zug, nur wenige Minuten vom Almhof Lech entfernt, setzt Haus W die Heritage-Linie des Sonnenhofs fort: ein auf 1609 datiertes Walserhaus, errichtet auf älteren Fundamenten und so restauriert, dass sein Alter sichtbar bleibt. Der Eingriff ist bewusst leise – Holz, Stein und Proportionen bleiben lesbar, während zeitgemäßer Komfort mit leichter Hand ergänzt wird.
Mit vier Zimmern mit Bad, Wohnküche und einer Bibliothek mit Kamin wirkt Haus W wie ein privates Refugium – geprägt von Zurückhaltung und Handwerk statt Inszenierung. Ein Ort für lange Abende, langsame Morgen – und Arbeit, die Stille braucht. Ein kompakter Spa in reiner Kalksprache, gestaltet von Shinichiro Ogata, setzt eine ruhige zeitgenössische Schicht.
Als Teil der Almhof Heritage Collection kann Haus W – besonders in ruhigeren Zeiten – auch Basis für Artists in Residence sein: verbunden mit dem benachbarten Werkraum Zug und dem kulturellen Programm der allmeinde für Produktion, Recherche und Austausch.
Über Gerold Schneider
Gerold Schneider ist Inhaber und Gastgeber des Almhof Lech, eines der höchstdekorierten familiengeführten 5-Sterne-Superior-Hotels der Alpen. Über die Hotellerie hinaus initiierte er in Lech/Zug die Kulturplattformen allmeinde, Kunstraum und Werkraum – Räume für Reflexion, Ausstellung und das Machen. Im Sonnenhof und in diesen Projekten verfolgt er eine durchgehende Frage: wie Architektur, Landschaft und Gemeinschaft einen Ort prägen können – jenseits seiner touristischen Oberfläche.
