Ein Sprint mit Startnummer 50, ein Schießstand, der plötzlich „wackelt“ – und das Gefühl, dass eine winzige Unsicherheit alles verschiebt: Amy Baserga erzählt Biathlon als Sport der feinsten Schalter, nicht der grossen Gesten. Im Rhythmus, im Timing, im Kopf. Mit rund 170 Schlägen pro Minute läuft die in Einsiedeln aufgewachsene Schweizerin in den Schießstand – und trotzdem muss jeder Schuss sitzen. Auf dem Weg Richtung Milano–Cortina 2026 (Biathlon in Antholz) spricht sie über Druck, Reset-Momente und die zentrale Frage dieses Sports: Kannst du im entscheidenden Moment bei dir bleiben?
„Es ist alles mental. Es ist alles im Kopf.“
1) Das Kopfspiel: Wenn die eigene Stärke plötzlich wankt
ART OF: Heute war nicht dein Tag – was ist passiert?
Amy Baserga: Ich war am Schießstand sehr unsicher. Und das ist eigentlich das Paradoxe, weil Schießen normalerweise eine Stärke von mir ist. Aber manchmal kommt im Unterbewusstsein eine Unsicherheit – und dann reicht eine kleine Irritation, die dich direkt vor dem Schießstand aus der Ruhe bringt. Ich freue mich deshalb auf die Weihnachtspause, um diese Sicherheit wieder zurückzuholen.
ART OF: Wie holt man diese Sicherheit zurück?
Amy Baserga: Mit sehr guten Trainings oder sehr guten Wettkämpfen. Wenn ein Fehler passiert, denkt man schnell zu viel über den Fehler nach – statt über die Treffer. Und plötzlich bist du nicht mehr im Jetzt. Genau das kann dir im Biathlon ein Rennen kippen.
ART OF: Im Rennen kommt dann auch Taktik dazu.
Amy Baserga: Genau. Heute war die Überlegung: Entweder viermal null und vorne mitlaufen – oder, wenn der zweite Fehler fällt, taktisch entscheiden: Gehe ich komplett ans Limit oder hole ich noch Plätze, die realistisch sind. Ich konnte noch drei Athletinnen einsammeln, aber es war nicht „all out“, um Energie für morgen zu sparen. Morgen im Massenstart wird es ganz anders: alle zusammen, hart, streckentechnisch schwierig, und man kann viele Punkte holen.
„Eine kleine Unsicherheit – und du bist direkt vor dem Schießstand aus der Reihe.“
PS. einen Tag nach diesem Interview (21.12.25) holt sich Amy Baserga im Massenstart mit dem 5. Platz die zweitbeste Weltcup-Platzierung ihrer Karriere.
2) Früher Ehrgeiz: Warum Biathlon und nicht nur Langlauf?
ART OF: Du hast als Kind viele Sportarten gemacht. Warum Biathlon?
Amy Baserga: Meine Familie ist sehr sportlich, und ich war schon früh sportbegeistert. Ich konnte früh laufen und Fahrrad fahren – und ich war immer ehrgeizig: Egal ob Spielen oder Verstecken, ich wollte gewinnen. Zum Biathlon kam ich mit sieben, acht Jahren. Ich war im Langlauf, und bei uns im Dorf gab es einen Biathleten, der ein Spaßtraining organisiert hat. Mein Bruder hat angefangen – und ich war dann auch dabei. Der Reiz war dann schnell da, weil man merkt: Ich bin gut, ich habe Talent – dann macht es noch mehr Spaß.
ART OF: Was hat dich gehalten?
Amy Baserga: Dieser Reiz zwischen Körper und Kopf. Das ist im Biathlon extrem: Auf der Strecke kämpfst du körperlich bis ans Ende – und am Schießstand muss alles ruhig, präzise, mental sitzen. Diese Kombination ist brutal, aber genau das macht sie faszinierend.
3) Entscheidung für den Sport: Schule, Risiko – und ein früher Durchbruch
ART OF: Wie lief dein Weg – Schule und Leistungssport parallel?
Amy Baserga: Ich war zuerst in der Talentschule in Schwyz, danach an der United School of Sports in Zürich (Sportler-KV), habe das aber nach zwei Jahren beendet. Es ging schlicht nicht auf: In Zürich gibt es keinen Schnee, und wenn ich die Schule „planmässig“ fertig gemacht hätte, wäre ich mit 21 fertig gewesen – und mit 21 nahm ich bereits an Olympischen Spielen teil. Es gab keine wirklich gute Lösung. Also habe ich entschieden, voll auf den Sport zu setzen – und konnte danach in die Sportler-RS.
ART OF: Und ab da ging es schnell.
Amy Baserga: Ja. Wenn du auf Sport setzt, dann 100 Prozent. Das funktioniert nur, wenn Talent, Ehrgeiz und Unterstützung zusammenkommen. Wäre ich nicht gut gewesen, hätte ich das nicht gemacht – und meine Eltern hätten es vermutlich auch nicht erlaubt. Zwei Jahre nach meiner Entscheidung für den Sport wurde ich bereits Junioren-Weltmeisterin.
„Wenn du auf Sport setzt, dann 100 Prozent.“
4) Rückschläge: Verlust, Verletzungen – und die verlorenen Trainingsstunden
ART OF: Es gab private und körperliche Einschnitte. Was hat dich am meisten zurückgeworfen?
Amy Baserga: Vor allem trainingstechnisch. In jungen Jahren ist es enorm wichtig, viele Stunden zu sammeln – als Base für die Zukunft. Nach dem Unfalltod meines Freundes habe ich viel Training verloren und musste mich mental zuerst wieder finden: Was will ich überhaupt noch? Plötzlich werden andere Dinge wichtiger, und du musst den Spaß am Sport wieder finden – nicht nur über Leistung definieren.
ART OF: Und dann kamen Verletzungen dazu.
Amy Baserga: Ja, die letzten Jahre war ich immer wieder verletzt – dieses Jahr ist das erste seit längerem, in dem ich nicht verletzt bin. Es waren verschiedene Dinge: eine Gehirnerschütterung beim Biken, eine luxierte Kniescheibe, ein Bänderriss im Handgelenk. Oft passiert es nicht im Biathlon selbst, sondern „nebenbei“.
„Diese Jahre sind wichtig für die Base – und genau da habe ich Trainingsstunden verloren.“
5) Trainingslogik: Base, Blöcke, Reset-Knopf
ART OF: Wie sieht ein Trainingsjahr realistisch aus?
Amy Baserga: Die Wettkampfsaison ist November bis April. Danach gibt es im April eine Abschnittspause – entweder noch einen Block im Norden, um Langlaufstunden zu sammeln, oder schon Rennrad in der Wärme, je nach Situation. Insgesamt sind es dann drei Wochen ohne fixen Trainingsplan, eher eigenverantwortlich. Am 1. Mai startet die neue Vorbereitung. Wir trainieren blockweise: drei Wochen Training, eine Woche reduziert. Auch in der reduzierten Woche trainierst du immer noch – rund zehn Stunden.
ART OF: Wo liegen die Schwerpunkte?
Amy Baserga: Im Frühling geht es um Aufbau: Base, Ausdauer, viele Stunden, lange Trainings. Im Herbst wird es kürzer und intensiver: Sprints, Intervalle, mehr Wettkampfnähe. Oft trainieren wir vier Tage am Stück, der fünfte ist frei – oder drei Tage, der vierte frei.
ART OF: Und das Schießen – wie trainiert man diesen Wechsel von Vollgas zu Präzision?
Amy Baserga: Ab Mai sind wir praktisch jeden Tag am Schießstand. Nach einer Pause merkst du sofort: Du brauchst wieder ein, zwei Wochen, bis es sitzt. Im Mai fängst Du wieder bei null an. Und dann kommt das Entscheidende: Du kannst dich nicht an ein einziges Ritual klammern, weil im Rennen nie alles gleich ist. Wenn vor dir jemand stürzt oder der Wind dreht, ist dein „Plan“ weg – du musst trotzdem auf Knopfdruck bei dir bleiben.
ART OF: Wie hoch ist dein Puls, wenn du in den Schießstand reinkommst?
Amy Baserga: So um die 170. Ich schaue nicht immer genau, aber 175 schon. Auf der Matte im Liegend ist er dann bei etwa 160, im Stehend geht er runter – 150, 130, 120. Du musst die Mitte finden: Wenn du die Treppe hochspringst, spürst du oben den Herzschlag – bei uns ist es gleich. Wenn du zu schnell im Schießstand bist, spürst du den Herzschlag im Gewehr. Da musst du die Baseline finden.
„Wenn du zu schnell im Schießstand bist, spürst du den Herzschlag im Gewehr.“
6) Mentalarbeit: Alltag als Trainingsfeld, Druck als Routine
ART OF: Du sagst, Biathlon ist „alles mental“. Wie trainierst du das?
Amy Baserga: Ich mache seit sieben Jahren Mentaltraining und habe zusätzlich seit diesem Jahr eine Sportpsychologin. Es ist enorm wichtig – bei uns ist es ein Battle gegeneinander und mit sich selbst. Das Niveau ist so hoch: Du musst jeden Tag 100 Prozent da sein, und wenn nur etwas Kleines nicht stimmt, passt das Resultat schon nicht mehr.
ART OF: Was heißt das konkret?
Amy Baserga: Wir besprechen konkrete Ziele oder Probleme – und ich versuche, ähnliche Situationen im Alltag wiederzuerkennen. Ein Stau auf der Autobahn ist am Ende fast dasselbe Thema wie ein Wetterwechsel vor dem Wettkampf: Umgang mit Kontrollverlust, Fokus, Lockerheit. Wenn du das im Alltag besser annimmst, fällt es im Winter leichter, bei dir zu bleiben.
„Stau ist fast das gleiche Problem wie Wetterwechsel vor dem Wettkampf.“
7) Material & Professionalisierung: Der Unterschied ist real – aber keiner fährt mehr „ohne das Beste“
ART OF: Wie wichtig ist Material heute wirklich?
Amy Baserga: Skitechnisch macht Material einen riesigen Unterschied. Wir haben seit diesem Jahr einen Wachs-Truck und sechs Serviceleute. Und viele Athletinnen haben ihre eigene Marke. Das Material selbst ist entscheidend.
ART OF: Du hast am Gewehr nichts Grundlegendes geändert.
Amy Baserga: Nein, kein neues Gewehr. Ich habe nur verfeinert – zum Beispiel die Stellung etwas angepasst.
ART OF: Gleichzeitig wirkt das Feld breiter als früher.
Amy Baserga: Extrem. In der Gesamtwertung können heute gefühlt 30 Athletinnen aufs Podest laufen – das Niveau ist in den letzten drei Jahren stark gestiegen. Früher konntest du vielleicht mit bestem Coach und bestem Service noch mehr Unterschied machen. Heute hat jeder „das Beste“ – du gehst gar nicht mehr in den Weltcup, wenn du nicht top ausgerüstet bist. Und die Nationen haben aufgerüstet, auch in den unteren Stufen ist das Breitenfeld riesig.
„Du kannst dir nie sicher sein. Nie.“
8) Schweiz, Armee, Sponsoring: Absicherung – und ein Sport, der sich seinen Platz noch erarbeitet
ART OF: Du bist Zeitsoldatin. Was bedeutet das im Alltag?
Amy Baserga: In der Sportler-RS kannst du die RS so gestalten, dass Training möglich ist – bei mir waren es fünf Wochen Ausbildung und 13 Wochen Training. Grundsätzlich profitieren wir stark von Versicherung, Coaches und Physio. Und dann gibt es das „Zeitmilitär“: eine kleine Zahl von Stellen pro Olympiazyklus, eine Teilzeitanstellung, die du über mehrere Jahre behältst. Das hilft, auch finanziell – weil Biathlon nicht als Beruf anerkannt ist und es in der Schweiz nach wie vor schwierig ist, private Sponsoren zu finden.
ART OF: Gleichzeitig professionalisiert sich das Team.
Amy Baserga: Ja. Wir haben ein großes Physio-Team, drei Coaches, seit diesem Jahr mehr Service, Wachs-Truck. Das macht einen Unterschied. Und gute Leistungen bringen Budget – Budget bringt Professionalität.
9) Richtung 2026: Antholz als Bühne – und warum das „Einzel“ lockt
ART OF: Milano–Cortina 2026: Wo siehst du deine grössten Chancen?
Amy Baserga: Im Einzel – weil ich weiß, dass ich viermal null schießen kann. Mit einem perfekten Tag und perfektem Material kannst du vorne mitmischen. Gleichzeitig ist es speziell, dass ich auch im Sprint neu vorne mitmischen kann: Sprint ist extrem schnell, die kürzeste Distanz, aber das härteste Rennen. Früher habe ich mich dort nicht gesehen, weil ich „die Gute am Schießstand“ bin.
ART OF: Antholz – was löst dieser Ort bei dir aus?
Amy Baserga: Gute Erinnerungen (lacht). Ich glaube, Antholz war mein erster Auslandwettkampf, als ich zehn, elf, vielleicht dreizehn war. Sonne, Berge – da ist es eh gut. Und die letzten drei Jahre waren dort ziemlich gut. Das macht Vorfreude. Wenn du an einem Ort gute Wettkämpfe hattest, gefällt er dir automatisch besser. Und an Olympia kommt auch die ganze Familie mit. Ich habe also volle Unterstützung.
„Mit einem perfekten Tag und perfektem Material kannst du vorne mitmischen.“
10) Wie lange geht das? Biathlon als Sport der langen Karrieren
ART OF: Blick über 2026 hinaus: Wie lange kann man Biathlon auf Topniveau ausüben?
Amy Baserga: Grundsätzlich, solange du Motivation hast. Im Ausdauerbereich geht das oft länger. Bei Frauen ist es manchmal etwas schwieriger wegen Familienplanung oder anderen Plänen – aber möglich ist es. Es gibt Athleten wie Simon Eder, der über 40 ist. Biathlon ist Ausdauer, aber die Rennen sind kurz und intensiv – trotzdem: wenn du die Basis hältst, kannst du lange dabei sein.
Vielen Dank, Amy, für das Gespräch und deine Offenheit.
BIO | Amy Baserga
Amy Alessia Baserga (*29. September 2000 in Zürich) ist eine Schweizer Biathletin, aufgewachsen in Einsiedeln, wo sie für den SC Einsiedeln startet. Mit 178 cm Körpergrösse und Trainerin Sandra Flunger gehört sie seit 2017 dem Nationalkader an, debütierte 2020 im IBU-Cup und 2021 im Weltcup – und ist seither Teil der Schweizer Weltcupmannschaft.
Ihre internationale Visitenkarte schrieb sie früh auf Juniorinnenstufe: Gold (Sprint & Verfolgung) bei der Junioren-WM 2021 in Obertilliach, dazu weitere Medaillen bei Jugend- und Juniorenweltmeisterschaften (u. a. Gold in der Verfolgung 2019).
Bei den Olympischen Spielen 2022 in Peking erreichte sie mit der Mixedstaffel Rang 8.
Im Weltcup folgten Staffel-Highlights und das erste Podium: Am 8. Januar 2023 lief sie mit ihrem Kindheitsfreund Niklas Hartweg auf Rang 3 in der Single-Mixed-Staffel (historisches erstes Schweizer Weltcup-Podest in dieser Disziplin); an der EM 2023 gewann sie in Lenzerheide Silber (Single-Mixed).
Bei der WM 2024 verpasste die Schweiz im Mixed nur knapp Bronze (Rang 4, eine Sekunde Rückstand), bevor Baserga 2024/25 ihren nächsten Schritt setzte: In Ruhpolding traf sie im Einzel erstmals 20/20 und holte als Dritte ihr erstes Podium in einem Individualrennen; die Saison schloss sie als 16. im Gesamtweltcup (8. im Einzelweltcup) ab.
