Ian Davenport LIQUID COLOURS

Im Jahr 1988 war er Teil von Damien Hirsts Ausstellung Freeze in den Londoner Docklands, die als Geburtsstätte der Young British Artists gilt. Nur drei Jahre später, mit 25 Jahren, wurde Ian Davenport für den Turner-Preis, den „Oscar“ der Kunstbranche, nominiert. Sein Gemälde „Giardini Colourfall“ auf der Biennale von Venedig 2017 erstreckte sich über eine Breite von 14 Metern und umfasste 1000 Farben. Seine neueste Installtion fliesst im Chiostro del Bramante in Rom die Treppen hinunter. Faszinierend!

Anlässlich seiner kürzlich eröffneten Ausstellung „Mirrors and Light“ in der Galerie Andres Thalmann hatten wir das Vergnügen, mit Ian Davenport ein Interview zu führen.

Poured Staircase, 2021, Ian Davenport – Chiostro Del Bramante, Rome – photography by Prudence Cuming Associates

Das Titelbild Magazin 2022

Erzählen Sie uns von der Treppe in Rom !
Es war ein sehr anspruchsvolles Projekt. Recherche und Vorbereitung dauerten sechs Monate! In meinem Londoner Studio bauten wir zeitaufwändig die Treppe genau nach. Der eigentliche Malprozess musste innerhalb eines Tages fertiggestellt sein, weil die Farben eingearbeitet werden, während sie noch feucht sind! Ein Kunstwerk zu schaffen, das mit einem historischen Baudenkmal interagiert, war wundervoll, aber auch herausfordernd.
Wir durften z.B. unter keinen Umständen Schäden an den architektonischen Elementen verursachen, mussten einen Weg finden, unsere Farben in den Raum einzupassen, ohne Schrauben anzusetzen. Es waren einige Besuche vor Ort nötig, um alles genau auszumessen. Die Treppe, über welche sich 500 Jahre lang Mönche bewegten, hat sich im Laufe der Zeit verformt, das zu berechnen war richtig schwierig.
Einen Tag vor Weihnachten wurde ich mit dem Malen fertig! Und dann wurde die Zeit knapp, bis das Kunstwerk trocken genug war, um es zu lackieren. Das war eine der stressigsten Aktionen, die ich je gemacht habe. Aber sie war es wert, das Publikum hat toll reagiert. Das Zusammenwirken von historischer Architektur und zeitgenössischer, farbenfroher Kunst, scheint wirklich zu funktionieren.

Wollen Sie solch mehrdimensionale Kunstwerke noch weiterentwickeln?
Es ergibt sich einfach eine tolle Dynamik. Ich interessiere mich schon seit langem für das Thema. Auf meinen Reisen durch Italien war ich beeindruckt von den Fresken und Wandmalereien. Sie haben mich inspiriert. Das Spannende daran ist die Dramatik, welche meine Kunstwerke im grossen Masstab entfalten.

Der Künstler Ian Davenport

Wie unterscheidet sich denn die Reaktion der Menschen?
Die Menschen reagieren auf ein Kunstwerk wie dieses viel entspannter. Viele lassen sich auf der Treppe fotografieren. Die meisten beschäftigen sich auf sehr spielerische Weise mit dem Werk. Sie können es begehen, betreten. Es hat mich sehr berührt, die Menschen so glücklich zu sehen. Und sie kommen zu Tausenden.
Nach der Pandemie war diese Arbeit auch eine Befreiung für mich selber. Und in fliessender Farbe steckt ja immer auch ein Götterfunke. Meine Frau sagte: „Die Treppe sieht ein bisschen aus wie ein Engel, der seine beiden Flügel ausbreitet.“ In solchen Momenten weiss man, dass alles stimmt.

Wie hat sich Ian Davenport zum Künstler entwickelt?
Meine Mutter hatte eine Kunstschule besucht, mein Vater war Ingenieur. Zeichnen und Malen war natürlicher Bestandteil meiner Kindheit. Ich gewann schnell Selbstvertrauen, einige Preise und wusste schon mit 17, 18 Jahren, dass ich auf diesem Gebiet ein hohes Niveau erreichen kann. Mein Glück war, an der Goldsmiths University of London Kunst zu studieren. Hier herrschte zu dieser Zeit eine aussergewöhnlich dynamische Atmosphäre.

Wie entwickelte sich Ihre Malerei?
Zu Beginn arbeitete ich monochrom im Wechselspiel von glänzenden und matten Farben. Sukzessive begann ich mehr Farben einzusetzen. Für einige Leute war das ein Schock. Ich war zuvor bereits sehr erfolgreich und Kunden wie Galeristen waren von mir eine bestimmte Bildsprache gewohnt. Aber ich konnte nicht mehr im alten Stil weitermachen. Ich folgte meinem Instinkt, der mir zu verstehen gab, etwas ändern zu müssen, ohne zu wissen warum. Um sich als Künstler weiterzuentwickeln, muss man sich zeitweise verlieren. Am Anfang bricht alles zusammen, sieht hoffnungslos aus. Dann kämpft man sich wieder an die Oberfläche.

Poured Lines

Und dann haben Sie die Poured Lines (fliessenden Linien) entdeckt?
Ich betrachtete die der Schwerkraft folgende, nach unten fliessende Farbe. Die Zufälligkeit des Weges hat mich inspiriert. Ich begann, die Farben mit einer Spritze aufzutragen und sie auf dünnen Stahlblechen nach unten fließen zu lassen. Zu Beginn finden die Tropfen ihren eigenen Weg, es entstehen zufällige, leicht kurvige Muster. Dann begann ich, die Tropfen zu lenken. Sie wurden geradliniger, linearer.

Inspiration und Kunst

Gibt es eine Verbindung zwischen diesen Bildern und Musik?
Es geht um Rhythmus. Die gemalten Farblinien sind wie eine musikalische Komposition, die Abfolge der Farben erinnert an sich wiederholende Refrains in einem Lied, den Rhythmus einer Trommel oder der Gitarre, die ich von Zeit zu Zeit in meinem Studio spiele.

Wie kommt man denn plötzlich zu einer solch gegensätzlichen Splatter-Technik?
22 Kinder waren für einen Workshop bei mir zu Gast. Sie fingen an, sich gegenseitig zu bemalen. Überall war Farbe! Gleichzeitig sah es fantastisch bunt aus! Zurück in meinem Atelier dachte ich: Die Dynamik dieser Kleckse ist fröhlich und spontan. Sie ermöglichten mir, meinen sehr strukturierten Malstil zu durchbrechen.
Auf mich alleine gestellt, verzichtete ich in der Pandemie auf schwere industrielle Materialien. Die «Splatters» auf Papier brachten ein spielerisches Element in meine Arbeit. Eine andere Reaktion auf Covid 19 war die Entwicklung der Serie von symmetrischen Spiegelbildern (mirrored paintings), bei denen ich von der Mitte ausgehend zum äußeren Rand hin male. Sie stehen für die Thematik der Reflexion und Selbsterkenntnis.

Die Puddle Paintings (Pfützenbilder) eröffnen neue Dimensionen?
Ja, die Leute können darauf gehen! Meine Bilder sind wertvoll und wollen natürlich geschützt werden. Aber Farbe ist ein ziemlich robustes Material, und dank eines herkömmlichen Lacks kann man sie problemlos begehen. Die Treppe in Rom wird jedes Wochenende von etwa 4000 Menschen begangen. Es hält also.

Einsamkeit und Soziale Medien

Wie hat Ian Davenport die Covid-Einsamkeit erlebt?
Zuerst war es eine wundervoll ruhige Zeit. Ich konnte wirklich kreativ sein. Nach acht bis zehn Wochen begann ich, die Menschen und die Natur zu vermissen. Da wird einem bewusst, wie wichtig Freunde und Familie wirklich sind.
Wo suchen Sie Bezugspunkte oder Ruhe für Ihre Kunst?
Ich habe die Natur oder Gemälde berühmter Maler als Farbreferenzen in meinen Arbeiten verwendet. Ich interessiere mich grundlegend für die Wirkung von Licht. Da tut es manchmal einfach gut, Natur, Himmel und Bäume zu betrachten und sich inspirieren zu lassen.

Wie wichtig sind Ihnen Soziale Medien?
Meine Kunstwerke sind normalerweise in einer Galerie ausgestellt. Die Künstlerin Hannah Tilson, die in meinem Atelier arbeitet, erstellte 2015 einen Instagram-Account. Erstaunlich ist es zu sehen, wieviele Menschen aus allen Gesellschaftsschichten sich für meine Kunst interessieren. Es inspirierte mich, meine Kunst weiter zu öffnen, wie mit der Klostertreppe in Rom. Vielleicht entsteht ein Film sein oder eine Projektion. Es ist wichtig, weiter zu experimentieren – das ist Teil des Künstlerdaseins!

Ian, wir bedanken uns herzlich für das Interview!

www.iandavenportstudio.com

www.andresthalmann.com
Galerie Andres Thalmann
Talstrasse 66, CH – 8001 Zürich, phone +41 44 210 20 01

W1 Curates – Flannels – digital project coinciding with 2018 Frieze Week and group exhibition ‘The Interaction of Colour’ at Cristea Roberts. Video Courtesy of MD Design
  1. […] Gefällt mir Wird geladen… < Painting with hole in the middle 01, 2018 Acrylic on aluminium mounted onto aluminium panel, 31 x 31cm. Image courtesy of Ian Davenport Studio.Photography by Prudence Cuming Associates. Flitter, 2021 Acrylic on paper, 185 x 145cm- unframed. Image courtesy of Ian Davenport Studio.Photography by Prudence Cuming Associates. Blue Centre, 2021 Acrylic on aluminium mounted on aluminium panel. Image courtesy of Ian Davenport Studio.Photography by Prudence Cuming Associates. Ariel, 2021 Acrylic on paper, 185 x 145cm- unframed. Image courtesy of Ian Davenport Studio Red Centre, 2022 Acrylic on aluminium mounted onto aluminium panel, 103 x 80cm. Image courtesy of Ian Davenport Studio, Photography by Prudence Cuming Associates. Turquoise Gyre, 2018 Acrylic on aluminium mounted onto aluminium panel, 30.8 x 30.8 cm Image courtesy of Ian Davenport Studio, Photography by Prudence Cuming Associates. Olympia Flow 2018 Acrylic on aluminium mounted on aluminium panel. Image courtesy of Ian Davenport Studio.Photography by Prudence Cuming Associates. Mirrored Painting Magenta 2021 Acrylic on aluminium mounted on aluminium panel. Image courtesy of Ian Davenport Studio.Photography by Prudence Cuming Associates. Pure color by Ian Davenport […]

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