Leo Villareal: Universelle Sprache. Interview.

Die Art Basel überflutet einen mit Eindrücken. Aber ein Bild bei der PACE Gallery zog mich in seinen Bann, dessen Farben sich bewegten, aber nicht im üblichen LED-Stil, sondern in faszinierenden Mustern und dahinfliessender Schönheit. Der Künstler dahinter: Leo Villareal. Seine Brückenbeleuchtungen in den USA und London machen ihn inzwischen mit mehr als 50 Millionen Betrachtern jährlich zu einem der meistgesehenen Künstler der Welt. Hinter seinen Innovationen verbirgt sich eine raffinierte Technik. Als wir schließlich in letzter Minute ein Interview mit ihm führen können, erzählt er uns, wie alles für ihn mit dem Burning Man Festival begann.

Die Anfänge der Lichtkunst

Leo Villareal

Leo Villareal, erzähle uns von den Anfängen.
Ich schloss in Yale mein Studium der Bildhauerei 1990 ab, im selben Jahr, als Photoshop auf den Markt kam. Die virtuelle Realität entwickelte sich, aber die Ausrüstung war extrem teuer. Also besuchte ich das Interaktive Telekommunikationsprogramm an der NYU und machte später ein Praktikum in Paul Allens Forschungslabor in Palo Alto. Statt drei Monate blieb ich drei Jahre.

So kam es, dass ich am Burning Man Festival teilnahm, das damals nur ein paar tausend Menschen besuchten (heute auf 70.000 begrenzt). Ich war begeistert und aufgeregt, mit einer Gruppe von Menschen zusammen zu sein, die in der Wüste eine Stadt bauen. Es war ein totaler Kontrast zur isolierten Arbeit an der virtuellen Realität. 1997 baute ich meine erste „Lichtskulptur“, indem ich 16 Stroboskope und einen Mikrocontroller auf meinem Wohnmobil platzierte. Eigentlich sollte sie nur helfen, meinen Campingplatz zu finden, resultierte aber in einem großen, mit Lichtsequenzen versehenen Orientierungspunkt.
In diesem experimentellen kreativen Umfeld erwachte die Idee, Raum, Licht und Sequenzen zu kombinieren. Ich wollte Licht nicht als Projektion oder Display verwenden, wie es Turrell oder Flavin tun – die ich übrigens sehr bewundere – sondern ich wollte hypnotisierende, weithin sichtbare Muster erschaffen, die Software und Licht miteinander verschmolzen.

Burning Man hat Sie also in vielerlei Hinsicht inspiriert?
Auf jeden Fall. Burning Man wird miss­verstanden. Es ist ein aufregendes Forschungslabor für brillante Menschen. Man teilt, man gibt, Kreativität entfaltet sich ungefiltert. Eigentlich habe ich diesen gemeinschaftlichen Aspekt in ein Kunstwerk verwandelt, Menschen versammeln sich um ein Kunstwerk wie um ein La­gerfeuer. So war es bei den Bay Lights und den Themsebrücken. Es ist eine sehr ursprüngliche oder universelle Erfahrung, so wie wir auf Feuer oder ein Naturwunder reagieren.
Wie sehen Sie die Welt in diesen Krisenzeiten?
Es ist eine unglaublich schwierige Zeit und sehr belastend für so viele Menschen. Aber ich habe das Gefühl, dass es Gründe gibt, hoffnungsvoll zu sein. Illuminated River in London haben wir installiert, als London im Lockdown war. In gewisser Weise war es ein Symbol der Wiedergeburt. Die Menschen konnten rausgehen, zuschauen und genießen. Man brauchte keine Eintrittskarte. Ich liebe Kunstgalerien und Museen, aber ich glaube, dass die Kunst in der Welt eine größere Rolle einnehmen sollte. Wir müssen die Kunst zu den Menschen bringen.

Die Bay Bridge hat dann neue Dimension eröffnet?
Ja, 25.000 LED-Lichter, verteilt über 1,8 Meilen. Wir senden 25.000 Bytes 50 Mal pro Sekunde, um die Lichtmuster zu er­zeugen. Mit unserem Projekt konnten wir die Schwesterbrücke der Golden Gate nicht nur in eine beleuchtete Brücke, sondern in eine Lichtskulptur verwandeln. Das hat die Wahrnehmung verändert, und es war schön zu sehen, dass die Menschen diese Art von Kunst als Teil der Stadt akzeptieren.

Neue Technologien

Wie entwickelt Leo Villareal seine Muster und Sequenzen?
Zunächst programmierte ich selber, aber es überstieg schnell meine Fähigkeiten. Also engagierte ich kreative Programmierer, die mir halfen, für meine Kunstwerke maßgeschneiderte Tools zu entwickeln. Das ist wirklich der Kern meiner Arbeit. Ich interessiere mich für Konzepte von sich wandelnden Strukturen, bei denen es darum geht, die Antwort nicht zu kennen, zu improvisieren und Momente der Überraschung zu kreieren. Das Entstehen solcher Momente ist der Grundbaustein meines Schaffens. Die Kunstwerke verwenden allesamt sich nicht wiederholende Muster und sind in gewisser Weise zufällig, so dass man nie genau denselben Ablauf sieht.

Aber es ist noch keine künstliche Intelligenz?
Im Moment ist es noch zufallsgeneriert. Ich interessiere mich sehr für künstliche Intelligenz, um zu sehen, wie ich damit arbeiten könnte. Wir haben damit begonnen, generativ zu arbeiten, das heißt, ein Code erzeugt neue Muster, die nicht vor-programmiert waren. Die in London verwendeten Muster sind generativ, was für mich ein neuer Schritt war, der auch zur Art und Weise führte, wie wir nun NFT-Kunstwerke erschaffen. Was die Nutzung neuer Technologien anbelangt, ist es eine sehr aufregende Zeit.

Illuminated River „Thames Bridges“ ein Projekt von Leo Villareal

Wie wird ein Projekt wie Thames Bridges realisiert?
Es war ein internationaler Wettbewerb mit über 100 Teams. Sechs kamen in die engere Auswahl. Interessanterweise hat die Einfachheit unserer Idee die Juroren wahrscheinlich überzeugt. Das Projekt ist auf zehn Jahre angelegt. Es musste also so beschaffen sein, dass man es tagtäglich mühelos betrachten kann.
Die Schönheit der Brücken zur Geltung zu bringen, war dann mein Hauptanliegen. Ich habe einige der historischen Illuminationen studiert, dabei ließ ich mich von den französischen Impressionisten inspirieren. Von der Art, wie Monet, Turner oder Whistler die Atmosphäre an der Themse einfingen. Ich stiess auf Händel und die Kompositionen seiner Wassermusik, die für den König auf Flusskähnen gespielt wurde. Vielleicht hatten die Menschen diese Aspekte des Flusses ein wenig vergessen, seine Schönheit und Verbindung als kontemplativer, meditativer Raum inmitten einer pulsierenden Metropole.
Die Brücken sind zudem sehr un­terschiedlich: Die Westminster Bridge gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, andere sind einfache Eisenbahnbrücken. Die Herausforderung bestand darin, jede Brücke einzeln in Szene zu setzen und dann eine Synchronisation zwischen den neun Brücken herzustellen. Es ist eine Art Freiluft-Malerei. Die Themse selbst ist wie ein Lebewesen, ihr Wasserspiegel ändert sich zweimal täglich um bis zu fünf Meter. Es gibt so viele Menschen und Verkehr, welche die Brücken überqueren.
Das alles floss in meine Arbeit ein. Es ist nicht interaktiv, es ist keine architektonische Beleuchtung. Die Sequenzen müssen mit dem Ort und seiner Atmosphäre in Einklang stehen. Einige der Brücken sind monochromatisch, andere verwenden Farben. Es war ein «Gespräch» mit der Geschichte, der Gemeinschaft, verbunden mit viel Zuhören, vor allem für mich als Außenstehenden, um dann alles mit neuen Augen zu betrachten und auf den Maßstab einer Stadt zu übertragen.

Sie haben die Wahrnehmung des Flusses verändert?
Ich glaube schon. Einige der Se­quenzen sind so langsam, dass man sich wirklich Zeit nehmen muss. Wenn man dann anfängt, sich auf die Muster einzulassen, ist man schon langsamer geworden und hat einen anderen Wahrnehmungszustand erreicht. Früher verschwanden die Dinge in der Nacht einfach in der Dunkelheit. Jetzt erwachen sie abends zum Leben.

Nachhaltigkeit?

Die Arbeit hinter den Kulissen?
Schwierig. Wir mussten für unser Projekt 30 Bauanträge genehmigen lassen! Meine größte Herausforderung war es, dabei die künstlerische Integrität zu bewahren. Wir haben viele Tests vor Ort durchgeführt und Nacht für Nacht am Flussufer programmiert. Die Pandemie zwang uns dann, neue Wege zu finden. Wir haben alle Brücken gescannt und mit dem Unreal Engine Videoprogramm die Landschaft rund um die Brücken, das Wasser und die reflektierenden Lichter nachgebildet. Wir fanden einen Videofilmer, der eine Hochgeschwindigkeitsverbindung einrichtete und ein 4k-Videosignal in Echtzeit sendete. Ich saß in meinem Studio in Brooklyn, war mit allen Computern verbunden und sah alles hochauflösend!

Wie sieht es mit Energie und Nachhaltigkeit aus?
Die Energie für die 25.000 LED-Leuchten an der Bay Bridge kostet pro Nacht weniger als $30. Das ist ziemlich gut für ein Projekt dieser Größenordnung. Und selbst das wird mit Solarenergie kompensiert. In London haben wir neue LED-Leuchten verwendet, die mit Linsen ausgestattet sind, die das Licht genau dorthin projizieren, wo es hin soll, um die Lichtverschmutzung zu minimieren.

Neben den öffentlichen Installationen verfolgen Sie noch „normale“ Kunstwerke?
Im Januar 2023 werden wir in der Genfer PACE Galerie eine Ausstellung mit weiteren Nebulae machen.

Cosmic Reef by Leo Villareal

Leo Villareal und NFT

Und dann kam NFT?
Im Januar 2022 habe ich 1024 einzigartige Token mit dem Titel Cosmic Reef herausgebracht. Sie waren innerhalb einer Stunde ausverkauft! Wir arbeiten an einer zweiten Version mit dem Namen Cosmic Balloon, die in den nächsten Monaten herauskommen soll. Cosmic Reef ahmt die Texturen des Weltraums, der Unterwasserwelt und der Natur im Allgemeinen nach. Jedes Mal, wenn man den Code ausführt, erzeugt er ein anderes Ergebnis. Ein Code, der unendliche Variationen hervorbringt – genau wie unser Universum.

Die Umstellung war nicht so groß, weil ich schon seit über 20 Jahren Codes schreibe. Aber als Bildhauer war es aufregend, ein rein digitales Werk zu schaffen, das keine physischen Komponenten hat; es als digitales Werk loszulassen und nicht in der Lage zu sein, zu kontrollieren, wie die Leute es sehen, auf ihrem Telefon, Computer, war ungewöhnlich.
Und es hat ein ganz neues Publikum von Sammlern erschlossen, das sich von derjenigen der Kunstwelt klar unterscheidet. Für mich toll: alle 1024 Iterationen von Cosmic Reef sind für jeden zugänglich, in voller Auflösung! Eine neue Art des „Besitzes“, ähnlich wie bei öffentlicher Kunst. Mir gefällt diese radikale Idee. Schönheit, die für jeden zugänglich ist, hilft in diesen schrecklichen Zeiten – und gibt Hoffnung.

www.villareal.net
www.cosmicreef.io

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