Roger Jungo, der Selfmade Table Artist

Ich mag verrückte Kerle. Der Roger Jungo ist so ein wilder Hund. Nach 17 Jahren Drogensucht und mehrjährigem Entzug fasst er sich irgendwann ein Herz und entdeckt seine Leidenschaft für edle Hölzer, Epoxidharze, die er zu Unikaten verarbeitet, die ihresgleichen suchen. Sein Hang, alles ein wenig zu übertreiben, hat er nun in eine kreativ-gestalterische Tätigkeit umgewandelt.

Roger JungoGib uns mal kurz einen Einblick in dein Leben!
Ich war 17 Jahre lang drogensüchtig, ging dann in den Entzug, kam raus, hatte zum Glück eine tolle Frau, mit der ich zusammenzog – und stürzte mich in die Arbeit. Das war wichtig, um Rückfälle zu verarbeiten. Zuerst war ich im Bühnenbau tätig, schliesslich im Spezial-Tiefbau, wurde gleich Bohr-, dann Rammmeister. Ich arbeitete bis zu 16 Stunden am Tag, um schnellstmöglich alle meine Schulden abzutragen.

Und deine Frau?
Ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Ich wurde auch noch Vater. Man ist ja nicht von heute auf morgen clean. Das ist ein Prozess, braucht Geduld und Ausdauer – und eine grosse Seele, wie meine Frau sie hat.

Und der Bau langweilte Dich?
Genau. Irgendwo sah ich einen tollen Tisch, mit Epoxidharz gegossen – und war fasziniert. Zuerst experimentierten wir mit kleinen Serviertabletts. Wir hatten kaum Geld und ein Kilo Epoxidharz kostet um die CHF 20. Für einen Tisch benötigt man bis zu 120 Kg! In der Schweiz war zudem kein Know-how verfügbar. Wir haben uns alles autodidaktisch angeeignet. Die kleinen Tabletts kamen gut an, wir verdienten sukzessive Geld und eines Tages wurde ich gefragt, ob ich einen Tisch herstellen könne.
Ich hatte keinerlei Tischlerwissen, bin aber ein absoluter Perfektionist, las mich in alle Themen ein, Holzfeuchtigkeit, Oberflächenbehandlung, Körnung, Werkzeuge, Trocknung. Ich tüftelte, machte alle Fehler, die man nur machen kann. Ein Schreinerkollege gab mir Tipps und unterstützte mich bei der Abnahme der ersten Tische. Zwei Jahre lang arbeitete ich auf dem Bau und abends sowie am Wochenende tüftelte ich an Tischen rum. Bis ich soweit war, dass ich einen ersten Epoxidharz-Tisch für ein Architekturbüro fertigstellen durfte. Dieser brachte eine Lawine ins Rollen. Ich bekam Anfragen aus Amerika, ein Premiumhersteller von Epoxidharz (Dipon) lud mich ein, für sie als Brand-Ambassador tätig zu sein.

Das war der Schritt in die Selbständigkeit?
Das war schwer, ich wusste ja, was Schulden bedeuten. Und auf dem Bau verdiente ich gut. Aber wir mussten uns entscheiden. Dann gingen wir das Risiko ein, dieses Produktionsatelier für CHF 2500 im Monat zu mieten. Es verging keine Woche und die Bestellungen rollten nur so rein!

Was braucht es für einen solchen Tisch?
Für den perfekten Tisch braucht es spezielle Hölzer. Ich habe 800-1200 jähriges Olivenholz, Maserulme, geräucherte Edelkastanie, Nussbaum/Walnuss, Hölzer aus der ganzen Welt. Das Suar-Holz aus Bali, hier 4 Meter lang, kostet im Einkauf schon CHF 6000. Dieses Holz ist so schön, dass ich inzwischen auch reine Holz-Tische daraus fertige.

Farb-Wahl?
Ich habe hunderte Farben zur Auswahl. Im Falle eines Chalets in Gstaad haben wir das Harz farblich auf die Umgebung abgestimmt, dem Cheminée und dem Altholz angepasst und einen dunklen Lavaton gewählt.

Notwendige Arbeitsprozesse?
Planfräsen, putzen, zuschneiden, einlegen, giessen, 1-2 Wochen aushärten lassen, ausschalen, mit Kalibriermaschien planschleifen, damit der Tisch 100% gerade ist. Man kann matte oder hochglänzende Oberflächen haben. Beim Epoxidharz-Giessen gibt es einen ganz bestimmten Moment von rund 10 Minuten, in welchem man das Harz bearbeiten kann. Zudem muss man genaue Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsbedingungen einhalten! Bei einer Abweichung von nur 1 Grad kann das Harz verkochen. Epoxidharz giessen ist eine echte Wissenschaft. Dipon will, dass ich in ihrem Auftrag eine Tournee mache, sog. Champions (meist Schreiner) ausbilde, die dann ihr Wissen an Kursen weitergeben.
Auch qualitativ gutes Holz arbeitet und braucht z.B. Rillen (Spannungsschlitze), damit es für Temperaturdifferenzen genügend Freiraum hat. Mehrfacher Nassschliff verstärkt die Maserung. Dann folgt mehrfache Ölung mit Schliff. Wir hatten den Un-Fall, dass von einem heissen Fondue-Rechaud kochendes Öl auf den Tisch spritzte. Kein Problem.

Wo bewegen sich die Tische preislich?
Das Rohmaterial Holz fängt bei 2000 bis 8000 CHF an, je nach Tischgrösse. Das Harz kostet bis CHF 2000. Dann arbeite ich 100 bis 200 Stunden an einem Tisch. Beim Harz-Design legt manchmal ­Steffi,­ meine Frau, Hand an. Das, was einen Tisch am Ende ausmacht, sind die vielen kleinen perfekten Details. Meine Tische kann man umdrehen und sie sind auf der Unterseite so perfekt wie auf der Oberseite.

Der Unterbau?
Da arbeite ich mit Schlossern zusammen. Den passen wir immer dem Gesamtkonzept an. Solche Tische wiegen am Ende zwischen 100 bis 400 Kg. Da braucht es einen perfekten Unterbau.

Was fehlt Roger Jungo noch?
Ausstellungsraum! In Kürze beziehe ich einen 350m2 grossen Raum. Ich strotze vor Ideen, möchte noch viel neues in Angriff nehmen. Jetzt kann ich neue Ideen dann auch meiner Kundschaft präsentieren! Darauf freue ich mich.

Und die schönste Freude?
Ist, wenn ich den Tisch persönlich ausliefere, was ich immer tue! Da bin ich nervös. Weil der Kunde dann erstmals das fertige Produkt zu Gesicht bekommt. Und der Tisch ist ja nicht billig. Ich entdecke dann vielleicht noch ein kleines Ritzlein, das ich noch ausbessere. Wenn dann die Freudentränen fliessen, geht’s mir richtig gut (strahlt).

www.jungo-design.ch
4629 Fulenbach | Switzerland

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