Keith Sonnier – Baden im Licht

Sonnier – was für ein klingender Name. Lousiana, Cajun, Mardi Gras. Ohne diesen multikulturellen Hintergrund wäre dieser aussergewöhnliche Künstler kaum zu verstehen. 

In Lousiana spricht man heute noch französisch, respektive Cajun. Ein ausserordentlicher kultureller Mix. Der Mardi Gras ist die französische Variante des Karnevals oder der Fasnacht, mit köstlichen Speisen, Umzügen und extravaganten Verkleidungen, von der katholischen Kirche eingeführt, um die heidnischen Saturnalien, ausgelassene Feste, zu unterbinden. Fügt man nun noch das subtropische Klima Louisianas mit seinen Sümpfen, dem Mississippi Delta, artenreicher Flora und Fauna hinzu, erahnt man, wo und wie Keith Sonnier aufgewachsen ist. 

Gezeichnet von einem bewegten Leben, und nicht mehr so redegewandt wie in seinen aktivsten Tagen, geht der bald 80-jährige Künstler in unserem kurzen, fast spirituellen Telefon-Interview genau dorthin zurück, wo er herkam: Louisiana.

Keith Sonnier during the Flocked Car Project, commissioned by collector Larry Warsh, 2016.  © Caterina Verde
Keith Sonnier during the Flocked Car Project, commissioned by collector Larry Warsh, 2016. © Caterina Verde

«The landscape and its light was important for my inspiration.»

Seine Grossmutter hat hier noch die ursprüngliche alte Methode des Heilens ausgeübt – was bis heute einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Er begleitete sie manchmal zu Behandlungen.

«Until today it was one of the most impressing performances I’ve ever seen. She was an inspiration for all my life.»

Von Louisiana nach New York

Aus dieser Natur-Welt mit einer die Fantasie anregenden Kultur trat er hinaus – und landete zunächst in Paris. Keith Sonnier gehört zu den wenigen amerikanischen Künstlern, welche in der Folge in Europa fast mehr Anerkennung erfuhren als im Heimatland. «Es war für mich in Europa fast einfacher, meine Kunst umzusetzen, da die gelernten Kunsthandwerker mich ganz selbstverständlich in der Umsetzung (zB von gebogenen Neonröhren) unterstützten.»

Dann kam der Schritt nach New York, das bis heute zu seiner zweiten Heimat wurde. Welch Kontrast – eine befreiende, beflügelnde Erfahrung. Sonnier: «I loved it, I felt like I had come into the world!» Neue Freunde, alle ein wenig aussergewöhnlich, neue Erfahrungen. Sonnier nahm alles auf und kreierte einzigartige, nie dagewesene Kunsformen! Die Erfahrung seiner Mutter, aus alten Stoffen etwas Neues zu erschaffen, half ihm nun in seinen Werken. Seien es abgelegte Wäschekörbe, rosa Seidenstoffe – alles wurde experimentell genutzt.

Es ward – ein Lichtkünstler

Von zu Hause mitgenommen hatte er auch seine kulinarische Ader. Teilweise muss er in seinem Studio in New York ganze Künstlergruppen hervorragend bekocht haben. Matta Clark und Lynda Benglis gehörten zu seinen Begleitern. Die bereits arrivierten Künstler Donald Judd und Dan Flavin gesellten sich hinzu. Nach seinem Abschluss an der Rutgers University experimentierte er mit Latex, Satin und anderen Materialien. 1968 dann die ersten Experimente mit Licht. Er nutzte Kupferrohre als Schablone und ging nun über die reinen Minimalisten hinaus. Er sponn Linien, Bögen und Kurven mit Neonröhren, nutzte die lineare Qualität von Neonlicht, um mit Licht und Farbe den Raum zu be-spielen. Inspiriert von seinen Reisen nach Bali und Indien, deren farben-explosives Holi-Festival ihn zu Werken wie ‚Passage Azur‘ inspirierte. 

Die globale Bühne

Keith Sonnier wurde Teil von ikonischen Ausstellungen wie „Eccentric Abstraction“ in der Fischbach Gallery in New York (1966, Kuratorin Lucy Lippard) und „Live in Your Head: When Attitudes Become Form“ in der Kunsthalle Bern (1969) unter Kurator Harald Szeemann, der ihn auch an der Documenta 5  1972 wieder inszenierte. Fast gleichzeitig wurde Sonniers Werk in die bahnbrechende „Anti-Illusion“ Ausstellung des Whitney Museum of American Art aufgenommen. Die Ausstellung war die erste große Präsentation des Post-Minimalismus in einem amerikanischen Museum. 1968 begann auch die lebenslange Zusammenarbeit mit Leo Castelli (New York) und Rolf Ricke (Köln). Dessen Sammlung wurde später durch das Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz, das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt und das Kunstmuseum St. Gallen erworben und bildet heute das Rückgrat der dortigen ständigen Ausstellungen.

Baden im Licht

Keith Sonnier wollte aber auch grössere Räume mit Licht formen – wieder ging er einen Schritt weiter – kombinierte Licht & Architektur. Es entstand die Serie -BA-O-BA. 

Sonnier: «Entdeckt hatte ich den Begriff auf einer Reise mit Matta Clark durch Haiti. Wir standen eines Abends vor einem Fischerboot, das auf diesen Namen getauft war. Der Fischer erklärte uns, dass der kreolische Begriff etwa mit «Baden im Mondlicht» übersetzt werden könnte.»

BA-O-BA erreichte verschiedene Dimensionen. Sonnier verwandelte ganze Häuser und Plätze in Licht-Kunstwerke, in welchen man licht-baden konnte. Er schuf eines der wohl grössten und bis heute spektakulärsten Kunstwerke im Flughafen München: die rund 1,2 Kilometer lange Neonarbeit ‚Lightway‘. Sie wurde zwischen 1989 und 1992 realisiert und befindet sich auf der Verbindungsebene 03 des Terminals 1. Der Reisende taucht förmlich ein in das Licht. Sonniers Licht- und Farbenspiel wirkt sinnlich, umhüllt den Körper wie ein leichter, bunter Mantel, beflügelt die Fantasie – und reduziert wohl auch Stress.

High-Lights

1999 verwandelte er mit einer farbigen Fassadeninstallation das von Peter Zumthor gestaltete Kunsthaus Bregenz in ein weithin sichtbares Kunstobjekt. Drei Jahre später liess er die vom holländischen Stararchitekten Mies van Rohe entworfene Neue Nationalgalerie in Berlin mit Licht umfliessen. Bei Einbruch der Dämmerung ergab sich ein faszinierender Dialog zwischen der dunklen Stahlarchitektur und den brillant leuchtenden Neonfarben. Durch die Anbringung der Neonkonturen im Fensterbereich wurde die Transparenz der Mies-Architektur noch übersteigert. Die für die Installation gewählten Farben rot, gelb, blau, und das rechtwinklige Raster erzielten einen regelrechten Mondrian-Effekt. Keith Sonnier macht daraus für den Betrachter jedoch einen spielerischen Dialog mit Raum, Spiegelungen und Interaktionen.

Auch eine der grössten, 2004 geschaffenen Lichtinstallationen am Thom Mayne’s Caltrans District 7 Building in Los Angeles, zeigt die zeitlose Eleganz und Ästhetik von Sonniers Werken. Hunderte Ausstellungen und viele Auszeichnungen folgten bis hin zum Arts and Letters Award in Art 2013. Letztlich haben auch die grossen amerikanischen Museen wie das MoMA in New York, das MOCA in Los Angeles und das Whitney Museum in New York seine Leistungen gewürdigt. In Deutschland und der Schweiz wird er durch die Galerie Häusler Contemporary repräsentiert, die ihn über 25 Jahre begleitet und erneut bis zum 14.8.20 in Zürich ausgestellt haben.

Sonnier zum Schluss des Gespräches:

«I stopped cooking, I concentrate all my energy to go on making artworks with light and wood. Artists never retire!” 

Baden im Licht – welch wunderbare Beschreibung seines Werkes.

Titelbild: Keith Sonnier during the Flocked Car Project, commissioned by, collector, Larry Warsh, 2016. Foto © Caterina Verde

Daniel Chardon
Daniel Chardon

Anfangs war ein simpler Recherche-Artikel geplant. Eher unverhofft ergab sich die Möglichkeit mit Keith Sonnier ein persönliches Telefongespräch zu führen. Es war ein Abwägen und Finden des richtigen Zeitpunktes, in welchem sein Geist, den Medikamenten trotzend, für Fragen empfänglich war. Obwohl gesundheitlich bereits gezeichnet, prägten sich die wenigen klaren Worte in mein Gedächtnis ein. Seine Erinnerungen, die in die Kindheit nach Louisiana und zu seiner Grossmutter, der Heilerin, zurückschweiften. Gleichzeitig spürbar blieb der unbändige Schaffensdrang des Künstlers, gipfelnd in den Worten “artists never retire”. Wie wahr.
Kurz darauf wurde er hospitalisiert und verstarb nach kurzer Krankheit am 18. Juli 2020. Unsere Gedanken sind bei ihm, seinen Weggefährten und Angehörigen.

FAREWELL

KEITH SONNIER



Bei unserem Interview am 24. Juni 2020 war Keith Sonnier bereits an- und abwesend – wie eine seiner Illuminationen, die im Abendlicht vor dem Himmel erglühen und erlischen. Seine Grossmutter, die Heilerin, war überpräsent, Leben und Tod hatten sich hier wohl schon die Hand gereicht. Bestürzt haben wir dieses Wochenende von seinem Tod, am Samstag den 18. Juli 2020, Kenntnis erhalten.
Tod? Er und sein Werk bleiben präsent – leuchtend, kraftvoll.  
Wenn die Geburt wie ein Blitz den Himmel erleuchtet, so haben seine Illuminationen unseren Alltag erhellt. Wenn der Tod wie eine Welle zurück in den Ozean gleitet, so bleiben am Strand des Lebens seine Werke als bleibendes Vermächtnis zurück. Und wir, um im Geist von Sonnier zu bleiben, sind die Badenden im Mondlicht, welche dem Flackern seiner Lichter lauschen.  BA-O-BA – auf der Reise zu den Sternen alles Gute, Keith Sonnier.  

Unsere tiefe Anteilnahme gilt der Familie und den Wegbegleitern im Studio Sonnier.

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At our interview on June 24, 2020 Keith Sonnier was already present and absent – like one of his illuminations glowing and extinguishing in the evening light before the sky. His grandmother, the healer, was over present, life and death had probably already reached out their hands. This weekend we were dismayed to learn of his death on Saturday, July 18, 2020.
Death? He and his work remain present – bright, powerful.
If birth illuminates the sky like lightning, his illuminations have illuminated our everyday life. When death slides back into the ocean like a wave, his works remain on the beach of life as a lasting legacy. And we, to remain in the spirit of Sonnier, are the bathers in the moonlight, listening to the flickering of his lights. BA-O-BA – all the best on the journey to the stars, Keith Sonnier.

Our deepest sympathy goes out to the family and companions at Studio Sonnier.

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