Museum Haus Konstruktiv – Kreative Opulenz

Schon das Äussere passt zum Thema. Eckig, mit klaren Linien präsentiert sich einer der schönsten Zürcher Industriebauten. Mit viel Leichtigkeit Im Inneren feiert das Museum Haus Konstruktiv als eine der wenigen Institutionen in Europa das Erbe des wichtigsten Schweizer Beitrags zur Kunstgeschichte: die konstruktiv-konkrete Kunst, zu deren Vertretern Max Bill, Camille Graeser, Richard Paul Lohse und Verena Loewensberg gehören.

Das zentrale «Empfangskomitee» ist diesmal (Mai 2022) ein Werk von Claudia Comte anlässlich der Ausstellung «Geometrische Opulenz». Es bespielt die Besucher flirrend, die Sinne durcheinanderwirbelnd mit einer vier Meter hohen architektonischen Wellen-Skupltur. ­Herausragend und ein guter Ausgangspunkt, um mit Sabine Schaschl, Direktorin, in ihre Kunst-Welt einzutauchen.

Ausstellungsansicht Claudia Comte, Geometrische Opulenz, Museum Haus Konstruktiv, 2022. Foto: Stefan Altenburger

Wie plant Sabine Schaschl eine solche Ausstellung?
Unser Glück ist ein hevorragender Kreis von Gönnern, das hat sehr über die Pandemie hingweggeholfen!
Mein Team und ich planen jede Ausstellung step-by-step, weil wir zu Beginn noch nicht wissen, auf welche Finanzen wir bauen können. Während der Pandemie wurde mir bewusst, dass man «danach» wieder das Leben in vollen Zügen geniessen, die Sinne in Eindrücken schwelgen möchten, deshalb die Opulenz.
Nun ist das Museum Haus Konstruktiv der Abstraktheit verpflichtet, was mich zum pfiffigeren Ausdruck „Geometrische Opulenz“ führte. Dann suchte ich die Künstler:innen und entwickelte eine räumliche Aufteilung. Eine Stiftung übernahm die Finanzierung des nicht ganz billigen Hauptwerks von Claudia Comte «Head and Tails». Von da weg hatten wir die Basis für die Fortführung der Arbeit.

Museum Haus Konstruktiv

Von aussen werdet ihr als grosses Museum wahrgenommen?
Das ist richtig. Wir erhalten tausende Anfragen, wir sind als Ausstellungsraum heiss begehrt. Den Begehrlichkeiten stehen aber die Grenzen unserer privaten Finanzierung gegenüber.

Das Haus Konstruktiv hat ja auch den Übernamen der ­«little tate» erhalten?
Das war eine schöne Schmeichelei. Wie die Tate sind wir an einem Fluss, in einem Industriebau gelegen und machen ein entdeckungsfreudiges Programm. Wir haben über die Jahre sehr namhafte Künstlerpositionen gezeigt, weshalb unser Ruf im Ausland vielleicht sogar höher bewertet wird als im Inland. Wir haben viele Künstler von Rang und Namen als erste in die Schweiz gebracht: William Kentridge, Etel Adnan, Tomás Saraceno, Alicja Kwade und viele andere.

Begegnungen

Die Betreuung von Künstler:innen ist nicht immer einfach…
Da hatte ich Glück. Ich musste auch mal einem Starkünstler (Cerith Wyn Evans) sagen: «This institution can not take divas, it is not because we do not love them but we can not pay them.” Er antwortete: “It is a big difference if you are a diva or if you act like a diva.” Er ging auf eigene Kosten ins 5-Sterne-Hotel – und er hatte natürlich recht (schmunzelt).

Künstler:innen in ihren Ateliers besuchen…
… mache ich wahnsinnig gerne! Nie vergessen werde ich William Kentridge. Er hatte wohl gedacht, dass es nur um ein Video ginge. Nach fünf Minuten realisierte er, dass es um eine grössere Ausstellung (The Nose) ging, er annullierte sämtliche Meetings, wir gingen in seine Privatwohnung, er versammelte sein ganzes Team und legte los… auch der Besuch bei Etel Adnan in Paris war unvergesslich.

Wie sieht Sabine Schaschl den Stellenwert von Kunst in Zürich?
Ich sag es mal neutral: die gebotenen künstlerischen Inhalte übertreffen bei weitem die Werbung, welche die Stadt für uns macht.
Das Zurich Art Weekend hat da zum Glück viel bewirkt. Zürich und Basel haben international einen hohen künstlerischen Stellenwert, wobei die Art Basel sich inzwischen mit Miami, Paris und Hong Kong ver-globalisiert hat (lacht). Andere Städte und Länder bewerben Kunst und Kultur jedenfalls intensiver. Da ist man stolz auf dieses Erbe.

Kunst und Gesellschaft

Wie definiert sich konstruktiv-konkret-konzeptuelle Kunst?
Es handelt sich um eine gegenstandlose Kunst. Die Anfänge gehen zurück auf 1913, die Ikone hier ist das schwarze Quadrat von Malewitsch. Die Idee war, dass die Kunst die Schaffung einer neuen Gesellschaft mitgestalten will. Für diese Veränderung konnte man nicht auf alte Kunstformen zurückgreifen, sondern arbeitete mit der Gegenstandslosigkeit. Die Zürcher Konkreten nahmen dies auf. Max Bill formulierte um 1936 nochmals aus, dass die Idee die Schaffensgrundlage darstellt und alle Mittel, Formen und Strukturen erlaubt seien und sich nicht mehr an Gegenständen oder der Natur orientieren sollen. Zudem kamen Druckgrafiken als Basis der Kunst für Alle ins Spiel.
Die amerikanische Konzeptkunst entwickelte sich in den 60er Jahren. Klassiker ist hier Joseph Kosuth, wo der echte Stuhl, seine Abbildung und die Definition eines Stuhls im Wörterbuch sich gegenüberstehen. Damit veränderte sich das Verhältnis von Bild, Wort und Präsentation. Er stellte die Kunstpraxis von handgemachten Originalen und austauschbaren Abbildungen in Frage.

Ausstellungen im Museum Haus Konstruktiv

Die Dramaturgie und Choreographie einer Ausstellung? Passen sich diese dem Wandel der Bedürfnisse des Publikums an? Wie wählt man die Künstler aus?
Ich nehme natürlich wahr, was das Publikum gerne hat. Auch die Bedeutung der Sozialen Medien bleibt uns – und den Künstler:innen – nicht verborgen. Ich wähle die Künstler:innen nach dem programmatischen Anspruch des Hauses aus. Ich suche immer die Andockstellen an unsere Thematik und weniger die epigonenhafte Wiederholung. Auch die Künstler verwenden bewusst oder unbewusst solche Andockstellen. Die Auswahl wird dadurch präzise. Für das Publikum ist dann aber der Eindruck einer Ausstellung entscheidend, die Lust macht, sich auf etwas einzulassen.
Wir machen auch viele Führungen, haben ein tolles Kunstvermittlungsprogramm für Kinder. Wir sind Gründer der Kinder-Kultur-Akademie Zürich KKAZ, ein interdisziplinäres Kulturvermittlungsprojekt für Kinder und Jugendliche. In den einzelnen KKAZ-Veranstaltungen experimentieren die Kinder in den verschiedenen Kunstdisziplinen Musik, Theater, bildende Kunst oder Tanz und entwickeln dabei auch eigene Kunstwerke.

Ein Projekt, das mich total begeistert ist: „Ich seh’s anders!“ Hier kommt jedes Jahr eine Gruppe von Erwachsenen, mit und ohne Behinderungen, im Museum Haus Konstruktiv zusammen. Während fünf Monaten erarbeiten die Teilnehmenden gemeinsam neuartige Vermittlungsformate zu den ausgestellten Kunstwerken – und machen eine Führung.
Erstaunlich, wie innovativ und vielfältig Sinneswahrnehmungen interpretiert werden.

www.hauskonstruktiv.ch
8001 Zürich | Switzerland

Ausstellung Haus Konstruktiv: Jose Davila vom 2.6.-11.9.22

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