Matteo Thun

MATTEO THUN – Der Magier der Natur-Architektur

Endlich hat es geklappt. Ein Tag vor der Corona-Grenzöffnung Mitte Juni 2020 treffe ich Matteo Thun im Engadin, in Celerina. Die Anfahrt passt. Die Magie von Schneeresten, Nebelschwaden, durchbrochen von Lichtsäulen und Sonnenstrahlen verzaubert den Julierpass wie so oft in eine magische Landschaft.

Magie am Julierpass auf 2300 Metern
Magie am Julierpass auf 2300 Metern

Gute Voraussetzungen für ein Treffen mit dem Magier der Natur-Architektur. Wir sind ihm alle schon einmal begegnet: der begnadete Gestalter entwarf auch Illy-Kaffeetassen, Swatch-Uhren, Bäder, Lampen, Möbel – und viele Hotels, Villen, Spas und Geschäftsgebäude. Die Begrüssung ist herzlich-bescheiden, quasi von Bergler zu Bergler. In der Nähe der Kirche San Gian, einem alten Kraftplatz, turnen wir für ein paar Fotos durch alte Arvenbäume, Sägemehl und Schnittholz, das Thema, das Matteo Thun seit Jahren umtreibt. In der Ruhe liegt die Kraft, umschreibt das fokussierte Interview am besten.

  • Die Arve oder Zirbe, ein beeindruckender Baum, der auch mal 1000 Jahre alt werden kann
  • Matteo Thun Holz in jeder Form für seine Bauten - Zero Waste
  • Man muss den Rohstoff Holz einfach lieben, oder?
  • Hoch zu Ross, aber nie überheblich
  • Bergler und Naturbursche
  • Verwegen bis ins hohe Alter
  • Der Nachdenkliche

Regie und Kommunikation

Was ist zu Hause für Matteo Thun? Zu Hause ist identisch mit dem Prinzip des Wohlfühlens. Man kann sich in den Bergen, in der Stadt, am Meer wohlfühlen, das kann man jetzt saisonal gestalten. Natürlich bin viel international unterwegs, besuche Kunden und Baustellen vor Ort, was sich aktuell schwierig gestaltet. Das wird sich aber in den nächsten Jahren wieder normalisieren.

Wie habt ihr in Corona-Zeiten gearbeitet? Videokonferenzen. Sie sind die beste aller schlechten Lösungen. In unserem Beruf generieren sie eine Effizienz unter 50%, weil man im Team und im direkten Austausch Projekte verbessert, Ideen findet und zusammenführt. Interdisziplinäre Zusammenarbeit – die Amerikander sprechen von synergetic design – funktioniert nicht am Bildschirm.

Es gibt wahrscheinlich wenige Branchen, wo so viele unterschiedliche Disziplinen am selben Tisch sitzen? Genau, das macht den Unterschied. Der Grund, dass ein Südtiroler in Mailand sitzt, ist ja kein zufälliger. Die Mailänder Schule hat sich seit den 50er Jahren darin geübt, dass Architekten, Innenarchitekten, Lichtplaner, Stilisten und Grünplaner an einem Tisch sitzen und gemeinsam Lösungen finden. Nicht wie die Amerikaner in einem iterativen Prozess, bei welchem alles hintereinander angelegt ist und jeder, wenn etwas nicht klappt, die Verantwortung auf den anderen schieben kann.

Das stelle ich mir aktuell aber schwierig vor… Ja, wir sitzen mit Abständen um einen Tisch, aber selbst der Mundschutz ist ein Störfaktor im Austausch von Informationen. Wegen der Mimik?  Genau. Ich erkenne bei einer persönlichen Begegnung sofort, ob jemand mit einer Lösung einverstanden ist oder nicht, da ich mein Gegenüber in seiner körpersprachlichen Gesamtheit erfassen kann. Wir führen seit 20 Jahren mit unseren chinesischen Partnern Conference Calls. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir auch jetzt Videokonferenzen ohne Mundschutz durchführen, um wenigstens ein Minimum an physiognomischer Kommunikation retten zu können. Der Architekt ist ein Regisseur. Das ist ein subtiles Spiel mit vielen kleinen Details, das nur funktioniert, wenn ich die Reaktionen der Beteiligten richtig einschätzen kann.

Die Lehrer von Matteo Thun? Oskar Kokoschka hat mich die Kunst des Sehens und der Konzentration auf das Wesentliche gelehrt. Sich nicht in den Details zu verlieren, sondern in einer präzisen Zeitachse das Wesentliche im Auge zu behalten. Emilio Vedova und Ettore Sottsass haben mir den Virus zur Suche nach Innovation und Authentizität eingepflanzt.

Emotion und Funktionalität

Wie kam es zum Memphis Projekt? Das ist entstanden aus der Totalfrustration über die industriellen Auftragspartner Ende der 70er Jahre. Null Risiko, alles war grau, funktional, ergonomisch perfekt. So haben wir als junge Architekten versucht, abends von 21-24 Uhr unsere Passion und unsere Kreativität auszuleben. Wie jedes Manifest war das nicht auf Dauer ausgelegt. Wir wollten herausfinden, wie man sich am Limit der Funktionalität und Materialität bewegen kann.

Was hat es ausgelöst?  Unbescheiden darf ich sagen, dass das Memphis-Projekt das Verständnis von Funktionalität und Materialität komplett verändert hat. Es gab sehr schnell Kopien, auch schlechte wie die memphisoiden Kollektionen von Ikea 1983.
Wir wollten der Emotion vor der Ergonomie die primäre Funktion zurückgeben. Das deutsche Design versucht ein Messer zu machen, wo der Daumen nicht abrutscht, das Messer perfekt schneidet und der Griff perfekt in der Hand sitzt. Darüberhinaus gibt es aber wichtigere emotionale Funktionen. Der Griff aus Holz gibt dem Messer eine Patina. Ein bestimmter Stahl braucht wenig Schliff und beinhaltet eine tolle Musterung.

Holz und 3 Zero

Stichwort Patina, Holz und Minergie? Holz hat genau dieses emotionale Element. Das Thema Minergie ist ein weit schwierigeres. Ein zu hohes Mass an Isolation kann zu verschiedenen Schimmelprozessen führen, die für unsere Gesundheit gefährlich sein können.
Holz ist da perfekt, birgt diese Gefahr nicht. Gebäude, die Holz als Aussenhülle verwenden, atmen. Stahlbeton hat leider auch schädliche Effekte, er erzeugt einen Faraday’schen Käfig, der vom Menschen benötigte natürliche Strahlung abhält.

Und Holz ist da die bessere Lösung? Ja, solange man das Holz Holz sein lässt. D.h. es darf mit keinerlei Chemikalien behandelt werden. Bienenwachs ist zulässig, die Südtiroler Bauern haben es früher mit Speckschwarten eingerieben. Der grösste Vorteil aber ist, dass Holz der einzige schnell nachwachsende Rohstoff ist.

Trotz der grossen globalen Waldbrände 2019? Die Amazonas-Wälder, die Polkappen und der Permafrost bleiben wichtig für die Gesundhaltung der Natur, beeinflussen aber nicht die für den Bau wichtige Holzwirtschaft. Diese können wir in Europa unabhängig vorantreiben. Holz hat den ästhetischen Zusatzvorteil, dass es mit dem Altern durch die Patina schöner wird.

Mein erstes Post-Corona-Projekt ist ein reines Vollholz-Haus. Anstelle von Zement verwenden wir gestampfte Tonerde. Das Haus deckt seinen Wasserbedarf aus der Rückgewinnung des Regenwassers. Hier setzen wir das mir lieb gewordene Konzept von 3 ZERO um: Zero Kilometer heisst: Baustoffe möglichst aus der Region, Zero CO2 heisst so wenig Emissionen wie möglich, Zero Waste bedeutet, kein Abfall oder Recycling der Rohstoffe. Die ganzen Zertifizierungen wie Minergie (CH) DGNB (DE), Green (USA) usw. sind viel zu kompliziert. Die versteht kein Mensch mehr. Unser Konzept versteht man in einem Tag.

Wohin geht die Zukunft? Wir müssen die sog. Verhüttelung oder Zersiedlung stoppen. Wenn man heute das Schweizer Mittelland oder den Grossraum Zürich anschaut, dann ist das eine Non-Stop-City, eine raumgestalterische Suppe. Die Zukunft der Städteentwicklung führt über die Kompaktierung des Bestandes und die Polyzentralität, also in einer Stadt bewusst mehrere Zentren zu schaffen.
Von der klassischen Urbanplanung müssen wir uns verabschieden. Städte entstehen immer spontan. Die negativsten Beispiele findet man in Moskau oder in China. Hier dachte man, man könnte urbane Planung lenken. Entstanden sind entmenschlichte Städte, die man später nur noch abreissen kann.

Kommt Holz auch in die Städte? Wir bauen gerade ein achtgeschossiges Gebäude in Hamburg, in Frankreich werden inzwischen viele Schulen und öffentliche Gebäude mit Holz erstellt. Die Entwicklung läuft weltweit in diese Richtung. Der industriellen «Zementmafia» stehen viele kleine Holzanbieter gegenüber. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Ich bin sowieso ein erklärter Gegner von Wolkenkratzern, da über einer gewissen Geschosszahl eine Desozialisierung einsetzt.

Alte und Neue Welt

Welche Rolle spielt da China? Wir haben seit gut 20 Jahren ein Büro in Shanghai. Shanghai hat New York inzwischen als Welthandelszentrum und Metropole abgelöst. In China geht alles zig-mal schneller, was die Chinesen an Patentanwendungen verarbeiten, da können wir nur staunen. Da kommen wir Europäer immer einen Schritt zu spät. Wir müssen in Projekten in China eher mal auf die Bremse treten, um die Qualität hochzuhalten. Im Vergleich dazu treten wir in Europa vor lauter Vorschriften an Ort und Stelle. Was die Chinesen von uns lernen können, ist hingegen authentische Innovation. Das ist unser Glück.
Was China noch hat – diese Seite ist in Europa wenig bekannt – ist die wohl hochstehendste Handwerkskunst weltweit. Nun lernen sie von uns, und zwar extrem schnell, bis hin zu ‘botanical architecture’. Wenn die jungen chinesischen Architekten dann noch ihre (bisher eher negierte) Kultur und Traditionen von Keramiken, Kalligraphie und Tonerde wieder einbeziehen, werden sie bald die globalen Superstars von morgen sein.

Welche Visionen und Projekte hat Matteo Thun noch vor sich? Das nächste, was ansteht, ist ein Luxus Resort in Bayern. Das soll ein gebautes Manifest der Post-Corona-Kultur sein: der künftige Luxus definiert sich durch stilvolle Bescheidenheit und Natur pur.

Da tauchen vor meinem geistigen Auge die Winzerhäuschen in Longuich an der Mosel auf… Das junge Ehepaar betreibt mit so viel Begeisterung Weinbau an steilsten Lagen, dass ich Ihnen vorgeschlagen habe, kostenlos zu arbeiten, sofern sie zustimmen, keinen grossen zusammenhängenden Komplex zu erstellen. Die Winzerhäuschen, welche sich an den steinernen Rebhäuschen orientieren, welche die Winzer zur Mittagshitze und Pause nutzten, mussten kleiner sein als der benachbarte Obstbaum. Was sie dann auch wurden.

Bergbauern als Vorbilder

Womit wir beim Genius Loci sind, sollte jeder Architekt wie Matteo Thun auf dem Baugelände campieren?
Der Architekt muss das Mikroklima verstehen, wo geht die Sonne auf, wo unter, Nordpfeil setzen, Schlagseite des Regens, Windströmungen usw. – und zwar zu jeder Jahreszeit! Am besten spricht man auch mit den alten Leuten, welche die lokalen Gegebenheiten genaustens kennen. In wichtigen Bauprojekten habe ich tatsächlich zu allen Jahreszeiten eine Nacht auf dem Gelände campiert.

Wofür stehen die Walser? Sie waren die ersten freien Menschen im alpinen Raum, welche aber fast nichts besessen haben, in der Regel über der Waldgrenze lebten, also unter Extrembedingungen und mit den geringsten Mitteln die besten Lösungen erzielen mussten. Da können wir heute in der Vereinfachung von Architektur und Raumgestaltung und vor allem auch in der Kostenoptimierung wieder unglaublich viel von Ihnen lernen. Die Walser sind heute meine Vorbilder.

Und die botanische Architektur als urbane Herausforderung? Gehört zu unserem Alltagsgeschäft. Wir platzierten bereits Anfang 2000 in Vapiano-Restaurants Olivenbäume. In Hotelprojekten integrieren wir immer eine maximale Nutzung von Grün, zum Beispiel ‘vertical green’ als bepflanzte, lebendige Mauern. In Zusammenarbeit mit dem Element Wasser muss man dann das richtige Raumklima erzielen. Oberstes Ziel bleibt auch hier, dass sich die Menschen wohlfühlen und wir der Natur so nahe wie möglich kommen.

www.matteothun.com

Daniel Chardon
Daniel Chardon

Eine spannende Begegnung. Matteo Thun schreitet voran, denkt nach, kreiert Neues, hinterfragt Dinge, stellt Verbindungen her und widmet sich letztlich einer naturnahen Bauweise, welche regionale Rohstoffe sucht, Abfälle und Co2-Anreicherung vermeidet.

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